Terror : Was will die Eta auf Mallorca erreichen?

Die Eta hat auf der spanischen Ferieninsel Mallorca erneut mehrere Bomben gezündet. Was will die baskische Terrororganisation damit erreichen?

Ralph Schulze[Madrid] Juliane Schäuble[Berlin]
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Kein Zutritt? Was will Eta auf Mallorca erreichen?Fotos: dpa; Montage: Mika

„Die Absicht von Eta war, Panik zu säen“, kommentiert die Inselzeitung „Diario de Mallorca“. Von Panik ist am Tag nach der neuen Bombenserie auf der Ferieninsel Mallorca zwar nichts zu spüren. Von der Sorge, dass es weitere Anschläge der baskischen Terrororganisation geben könnte, hingegen schon. Vor allem bei der Polizei, die mit Hochdruck nach den Tätern fahndet. Und den Hoteliers der Insel, welche durch die nicht endenden Terrornachrichten herbe Verluste befürchten.

Wie ist die Lage?

In den Urlaubsgebieten Mallorcas patrouillieren so viele, zum teil schwer bewaffnete Polizisten wie noch nie. Kontrollieren Papierkörbe, in denen die Eta in der Vergangenheit gerne Sprengsätze versteckte. Halten nach herrenlosen Rucksäcken und Taschen Ausschau. Am Sonntag hatte auch ein Koffer, den ein Reisender in einem Hotel in der Inselhauptstadt Palma vorübergehend abgestellt hatte, Bombenalarm ausgelöst. „Leider hat es viele falsche Alarme gegeben“, beschreibt Ramon Socias, Statthalter der spanischen Regierung auf Mallorca, die allgemeine Nervosität. Das mache es der Polizei nicht gerade leichter. Daher konnte auch keine der drei Minibomben, die am Sonntagnachmittag in den Waschräumen von zwei Restaurants und in einem Einkaufszentrum in Palma hochgingen, rechtzeitig entschärft werden. Ob eine vierte Explosion am Sonntagvormittag in einer Bar im Zentrum Palmas durch Gas oder durch eine Eta-Bombe verursacht wurde, wird noch untersucht.

Was will die Eta?

Die Verwirrung war groß, die telefonische Warnung der Eta war ohne genaue Ortsangaben erfolgt. Die Sicherheitskräfte wussten nicht, wo sie suchen sollten. Aber auch dieses Verwirrspiel war offenbar Teil der Eta-Strategie, Angst und Schrecken zu verbreiten. Angesichts der geringen Sprengkraft der Bomben ging es der Bande ganz offenbar nicht darum, Touristen zu töten oder großen Sachschaden zu verursachen. Die Terroristen wollten einen großen Propagandaschlag landen. Empfindliche Nadelstiche setzen. Dies ist ihnen offenbar gelungen. Ganz nebenbei führte die Terrorbewegung aus dem nordspanischen Baskenland die Polizei an der Nase herum. Und bewies, dass die schon oft totgesagte Eta alles andere als erledigt ist. Mallorca gleicht seit Ende Juli, als ein Kommando im Badeort Palmanova zwei Polizisten tötete, einer Festung. Doch die größte Fahndungsaktion und die spektakulärsten Sicherheitsmaßnahmen der Inselgeschichte konnten die neue Terrorserie nicht verhindern. Eine Demütigung für die Polizei.

Was ist mit den Tätern?

Am Tag danach wusste die Polizei nur eines: Zu dem Terrorkommando, das auf Mallorca sein Unwesen treibt, gehört wenigstens eine Frau. Denn die drei Minisprengsätze von Sonntagnachmittag waren auf den Damentoiletten versteckt. Mit Zeitzünder und unter der Deckenverkleidung verborgen. Woraus sich schließen lässt, dass die Bomben schon vor längerer Zeit platziert wurden. Möglicherweise sogar von jenem Mordkommando, das am 30. Juli bereits in Palmanova, rund 15 Kilometer von Palma entfernt, zugeschlagen hatte. Ob sich die Terroristen noch auf Mallorca befinden, ist unklar. „Wir müssen mit beiden Hypothesen arbeiten: dass sie noch hier sind. Oder dass sie die Insel bereits verlassen haben“, sagt Regierungssprecher Socias. Er rief zur Ruhe auf. Spaniens König Juan Carlos, der in der Nähe von Palma urlaubt, ging mit gutem Beispiel voran und setzte seinen Aufenthalt ungerührt fort. Das Staatsoberhaupt verkündete: „Dieser Mörderbande wird es nicht gelingen, die Normalität auf der Insel und das spanische demokratische Leben zu beeinflussen“.

Warum schlägt die Eta gerade jetzt zu?

Seit 30 Jahren nutzt die Eta die sommerliche Ferienzeit in Spanien, um mit Terroranschlägen in Urlaubsgebieten Aufsehen zu erregen. „Der Tourismus ist ein vorrangiges Ziel“, heißt es in einem der Pamphlete der Eta, die mit Bomben und Kopfschüssen für die Abspaltung des nordspanischen Baskenlandes kämpft. In ihrem „Krieg“ gegen den Tourismus sieht die Eta einen Hebel, um den spanischen Staat zu schädigen und unter Druck zu setzen. Das Urlaubsgeschäft ist der wichtigste Wirtschaftszweig des Sonnenlandes.

Nicht immer kommen die Touristen dabei so glimpflich davon wie dieses Mal, wo es keine Verletzten gab. Im Jahr 2003 wurden bei zwei Bombenanschlägen auf Hotels an der Costa Blanca 13 Menschen verletzt – darunter auch Urlauber. 2002 töteten die Terroristen mit einer Bombe im Costa-Blanca-Dorf Santa Pola zwei Menschen. In den vergangenen Jahrzehnten verübte die Eta mehr als 150 Attentate in Urlaubsgebieten. Dabei wurden sieben Menschen getötet. Die meisten Anschläge richten sich aber gegen Repräsentanten des Staates. Bis heute hat die Eta mehr als 800 Personen umgebracht.

In letzter Zeit war es etwas ruhiger um die Eta geworden. „Spanien und auch Frankreich, dessen Hinterland die Eta als Rückzugsort und Waffendepot nutzt, haben die Gruppierung im vergangenen Jahr sehr geschwächt“, sagt der Berliner Terrorexperte Berndt Georg Thamm. Die Führungsriege sei stark ausgedünnt. So befinden sich rund 700 Aktivisten derzeit in Haft. „Daraus hat man geschlussfolgert, die Eta sei nicht mehr in der Lage, massiv zuzuschlagen“, sagt Thamm. Diese Annahme habe die Organisation pünktlich zum 50. Jahrestag ihres Bestehens (31. Juli 1959) widerlegt. „Die Anschläge sind an Symbolik kaum zu überbieten.“

Wie gefährlich ist die Eta?

Inzwischen führen nicht nur die EU, sondern auch die Vereinten Nationen und die USA die Eta als Terrorgruppe. „Es gibt eine Nachwuchsgeneration, einen harten Kern, der bereit und in der Lage ist, Angst zu verbreiten und den spanischen Staat da zu treffen, wo es wehtut“, sagt Thamm. „Der Terror wird Spanien eine ganze Weile erhalten bleiben.“ Ihre Aktivitäten finanziere die Eta durch Delikte im Bereich der organisierten Kriminalität wie Schutzgelderpressungen oder Drogenhandel.

Worauf sollten sich Urlauber einstellen?

Am Montag fühlte sich sogar der deutsche Botschafter in Spanien bemüßigt, für der Deutschen liebste Ferieninsel zu werben. „Wenn der (spanische) König auf Mallorca ist, dann können die Deutschen auch kommen“, sagte Wolf-Ruthart Born. Aber obwohl die Eta vor ihren Anschlägen gewarnt hat und sich diese nicht explizit gegen Touristen richteten, werden sich viele Urlauber unwohl fühlen. Alleine schon aufgrund der erhöhten Polizeipräsenz. Doch kostenlose Umbuchungen oder Stornierungen bieten die Reiseveranstalter noch nicht an. Auch das Auswärtige Amt hat zwar seine Sicherheitshinweise aktualisiert und ruft dazu auf, Menschenansammlungen zu meiden. Aber die Behörde schätzt die Lage nicht grundlegend anders ein und hat keine ausdrückliche Reisewarnung ausgesprochen, wie sie etwa für Bürgerkriegsländer gilt. „Es ist noch nicht die Situation, dass wir von Reisen nach Mallorca dringend abraten“, sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier dem Sender „N24“. Laut dem Deutschen Reiseverband (DRV) gelten daher die allgemeinen Geschäftsbedingungen des abgeschlossenen Reisevertrages.

Mit größeren Einschränkungen müssten die Urlauber vor Ort nicht rechnen, sagte DRV-Sprecherin Sibylle Zeuch. Aber sie sollten sich auf verstärkte Sicherheitskontrollen einstellen und etwa am Flughafen von Palma mehr Zeit einplanen. Das scheint die Deutschen nicht abzuschrecken: Die Veranstalter registrierten nach eigenen Angaben zunächst kaum Anfragen zu vorzeitiger Rückkehr, Umbuchung oder Stornierung. Die Balearen gehören mit jährlich 3,3 Millionen Urlaubern zu den liebsten Zielen der Bundesbürger. Derzeit befinden sich rund 170 000 deutsche Touristen auf Mallorca.

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