Zeitung Heute : Terror zu Gast in Deutschland

Der Tagesspiegel

Von Frank Jansen

Es gibt Erfolge, die eine größere Katastrophe erwarten lassen. Dazu zählt offenkundig der Schlag gegen die Terrororganisation Al Tawhid, zu dem Generalbundesanwalt Kay Nehm und Bundeskriminalamt jetzt ausgeholt haben. Keine zwei Wochen nach dem Anschlag auf der Urlaubsinsel Djerba wird erneut die unglaublich scheinende Dimension der Bedrohung durch den militanten Islamismus deutlich – und erscheint noch größer. Nicht nur in Tunesien, auch und gerade in Deutschland. Religiöse Fanatiker, in Afghanistan im Umgang mit Waffen und Sprengstoff geschult, leben gleich nebenan. Wieviele es sind, weiß niemand. Klar scheint nur, dass sich weit mehr Islamisten arabischer, aber auch deutscher Herkunft auf einen Tag X vorbereiten. An dem in Deutschland oder sonstwo auf der Welt den Israelis, den Juden, den Amerikanern oder anderen „Ungläubigen“ ein Inferno bereitet wird.

Die Zivilgesellschaft muss mit jedem neuen Fahndungserfolg registrieren, dass Rechtsstaaten natürliche Grenzen haben und deshalb nur unzureichend gegen drohenden Terror zu schützen wissen. Die Hoffnung, mit der Niederlage der Roten Armee Fraktion sei das Schlimmste für lange Zeit abgewendet, ist endgültig dahin. Neue Gewalttaten sind zu erwarten – begangen von Profis, die einen barmherzigen Allah preisen und doch von Hass zerfressen sind. Die sich nicht scheuen, einen Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt zu planen, mit einer Streubombe voller Nägel. Die nach Möglichkeiten suchen, das Giftgas Sarin zu produzieren. Oder darauf warten, dass es Osama bin Laden doch noch gelingt, eine „schmutzige“ Atombombe bauen zu lassen.

Nach dem 11. September hieß es nicht nur in Deutschland, die Gesellschaft sei „aufgewacht“. Tatsächlich scheint die Halbwertzeit des Schocks begrenzt zu sein – verlängert nur durch weitere Schreckenserlebnisse wie „Djerba“. Die Neigung, die Gefahr zu verdrängen anstatt intensiv über eine nachhaltige Abwehr zu reflektieren, ist so verständlich wie fahrlässig. Selbst die Forschung nach den Ursachen des islamistischen Furors erscheint eher dünn. Das ist eine Folge der jahrelangen Nonchalance: Was in den islamischen Gesellschaften debattiert wird, ob in Kairo oder Kreuzberg, interessiert eher wenig. Die öffentliche Wahrnehmung ist meist auf Klischeebilder reduziert: reiche Scheichs, korrupte Politiker, arme Fellachen, verhüllte Frauen, junge Machos und reichlich schießwütige Fanatiker. Personal für Action- und Autorenfilme. Mehr nicht.

Der Islamismus, auch in seiner friedfertigeren Variante, erinnert Europäer und Amerikaner an alte, koloniale Verbrechen und an chronische Versäumnisse. Zu letzteren zählt, die Folgen der Kolonialisierung zu übergehen. Zum Beispiel in Algerien. Die USA und die westeuropäischen Staaten stützen, von Frankreich angeführt, das algerische Militärregime. Weil es angeblich als einzige Alternative zu einer islamistischen Regierung gilt. Obwohl die Armee die demokratischeWahl von Anfang 1992 brutal abbrach und damit den nicht enden wollenden Bürgerkrieg mit den Islamisten provozierte. Auch wenn fromme „Widerstandskämpfer“ in der Bevölkerung inzwischen ähnlich verhasst zu sein scheinen wie die Militärs, bleibt der Eindruck, das Regimes habe mit Hilfe des Westens eine ungerechte Politik durchpeitschen können. Munition für die Propaganda bin Ladens. Versuche, die in Algerien zweifellos vorhandenen demokratischen Kräfte zu stärken, scheinen in den USA und Europa kaum jemanden zu interessieren.

Wer dem Fanatismus das Personal entziehen will, muss sich mit den Verhältnissen in Kairo und Kreuzberg intensiv auseinandersetzen. Mit der Aufrüstung von Polizei, Geheimdiensten und Armeen kann der Islamismus nur punktuell geschwächt werden, das machen gerade die Fahndungserfolge deutlich. Doch wie wäre der Hass unzähliger Muslime auf „Juden und Kreuzritter“ einzudämmen, von dem die Terrorgruppen profitieren? Der Westen sollte wenigstens zeigen, dass er nachdenkt. Ansonsten bleibt das Warten auf den nächsten Anschlag.

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