Zeitung Heute : Terrorismus als Markenzeichen

Al Qaida verfolgt eine Art Business-Plan für den Kampf gegen den Westen – Der Aktienwert der Organisation ist nach wie vor hoch

Bruce Hoffman

Osama Bin Laden zu töten wird die Bedrohung durch Al Qaida nicht beseitigen. Die Terrorvereinigung betrachtet den Krieg, den sie begonnen hat, als epischen Kampf, der Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern wird. Die Vereinigung hat sich als zäher erwiesen als zunächst angenommen und verfolgt offenbar eine Art Businessplan. Was die Struktur betrifft, ist das, was Al Qaida am nächsten kommt, vielleicht in der Tat ein multinationaler Konzern. Bin Laden selbst könnte man als einen terroristischen Vorstandsvorsitzenden betrachten.

Er hat Verwaltungs- und moderne Managementtechniken, die er auf der Universität und im Bauunternehmen seiner Familie gelernt hat, auf die Leitung einer transnationalen Terrororganisation angewandt. Er machte 1981 seinen Abschluss in Betriebswirtschaft und Verwaltungswissenschaften an der renommierten King Abdul-Aziz Universität in Saudi Arabien. Dann sammelte er erste Erfahrungen im Familienunternehmen und perfektionierte seine Fähigkeiten in Management und Organisation, mit denen er später Al Qaida zur weltweit vorherrschenden Terrorbewegung machte.

Er führte bei Al Qaida dieselben effektiven Rahmenbedingungen ein, die viele Manager in weiten Teilen der industrialisierten Welt das letzte Jahrzehnt über angewandt haben. Genauso wie sich internationale Großunternehmen während der Neunziger auf schlankere, effektivere und besser vernetzte Strukturen zubewegten, wurde auch Al Qaida von Bin Laden umstrukturiert.

Er legte für die Vereinigung eine flexible Strategie fest, die auf unterschiedlichen Ebenen funktioniert, und arbeitete dabei sowohl von der Spitze nach unten als auch von der Basis nach oben. Einerseits fungiert er als Präsident oder Vorstandsvorsitzender eines internationalen Großkonzerns, der Ziele definiert, Anweisungen gibt und deren Umsetzung sicherstellt. Diese Funktion betrifft vor allem die spektakulären Aktionen von Al Qaida - jene hoch sichtbaren Operationen mit großem Zerstörungspotenzial und vielen Toten wie der 11. September, der Angriff auf die „USS Cole“ und die Bombenanschläge auf die US-Botschaften in Ostafrika 1998.

Andererseits verhält er sich wie ein Risikokapitalgeber, wenn er Vorschläge von unten anhört, aktive Ansätze sowie Querdenken fördert und Projekte unterstützt, die ihm viel versprechend erscheinen. Mehrere Anschläge von Gruppen, die sich Al Qaida angeschlossen haben, bestätigen diesen Ansatz. Dazu gehören die Anschläge von Jemaah Islamiya in Bali (Oktober 2002) und Jakarta (August 2003), die von Al Assiriyat Al Moustaqim in Marokko (Mai 2003) und die der Kampffront des Großen Islamischen Ostens (IBDA-C) in der Türkei (November 2003). Al Qaida beschränkt sich bewusst nicht auf eine festgelegte Arbeitsweise und wird dadurch umso widerstandsfähiger und bedrohlicher. Stattdessen hat Bin Laden eine Bewegung aufgebaut, die zusätzliche Gruppen, die unter derselben Flagge kämpfen, aktiv dazu ermutigt ihre Ansätze beizusteuern. So kommen unterschiedliche Taktiken sowie wechselnde Angriffsarten und Durchführungsweisen an einer Reihe verschiedener Orte zum Einsatz.

Selbst in der Ära nach dem 11. September, in der Al Qaida unnachgiebig aufgespürt, drangsaliert und geschwächt wurde, scheint der Businessplan weiter funktioniert zu haben. Die Vereinigung scheint zumindest noch einen gewissen Umfang zu besitzen, was man an ihren Nachschubkapazitäten sehen kann, aus denen die Reihen der getöteten oder gefangen genommenen Kommandeure der mittleren Ebene immer wieder aufgefüllt werden.

Der US-Kongress schätzt die Anzahl der Menschen, die in Lagern der Al Qaida in Afghanistan, Sudan und Jemen ausgebildet werden, auf 70 000 bis 120 000 weltweit. Selbst wenn diese Zahl grob übertrieben sein sollte, wäre auch ein potenzieller Pool von wenigen Tausend gut ausgebildeten und kampferprobten Terroristen ein Quell an Fachwissen, aus dem weiterhin geschöpft werden könnte.

Was die Finanzen von Al Qaida angeht, dürften noch ausreichende finanzielle Ressourcen vorhanden sein. Einer Schätzung zufolge wurden bislang etwa 130 Millionen Dollar eingefroren oder beschlagnahmt, die Al Qaida zugeordnet werden konnten.

Letztendlich ergeben sich die Dauerhaftigkeit und Langlebigkeit von Al Qaida nicht aus der absoluten Zahl der Gotteskrieger, die vielleicht in der Vergangenheit ausgebildet wurden, sondern aus der bleibenden Fähigkeit, tatsächliche und angebliche Kämpfer, Unterstützer und Sympathisanten zu rekrutieren, zu mobilisieren und zu animieren. Es ist von Bedeutung, dass Al Qaida trotz der Strafaktionen der letzten 30 Monate eine potenzielle terroristische Bedrohung und weltweit destabilisierende Kraft bleibt.

Die Grundlage für Al Qaidas globale Operationen sind Bin Ladens Vision, seine Mythologie, die längst eine Eigendynamik entwickelt hat, sowie sein ausgeprägter Sinn für effektive Kommunikation. Seine Botschaft ist simpel. Seiner Propaganda zufolge sind die USA eine hegemonische, statische Macht, die sich Veränderungen widersetzt und korrupte, verkommene Regimes aufrecht erhält, die nur mit amerikanischer Unterstützung existieren können.

Ganz ohne Zweifel haben die USA und andere Staaten in den letzten Monaten bedeutende Fortschritte im Krieg gegen den globalen Terrorismus erzielt. Flughäfen und Flugzeuge sind bei weitem besser geschützt. Mögliche Ziele sind von neuen Barrieren und anderen Sicherheitsvorkehrungen umgeben. Die Antiterrormaßnahmen der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten haben viele Terroristen in Gefangenschaft oder ins Grab gebracht.

Doch Al Qaida braucht nichts weiter als einen einzigen neuen erfolgreichen Anschlag. Regierungen scheinen nur so gut wie ihr letzter Fehlschlag zu sein. Egal, wie viele Anschläge verhindert und wie viele Menschen jeden Tag nicht von Terroristen getötet werden – in der Erinnerung bleiben nur die wenigen erfolgreichen Anschläge haften.

Der epische Kampf, den Bin Laden begonnen hat, ist nicht vorbei. Aufgrund dessen, was Al Qaida als den amerikanischen Krieg gegen den Islam (in Afghanistan und im Irak) und als Amerikas Beitrag zum Erhalt moralisch bankrotter Regimes (in Ägypten, Saudi Arabien, am Persischen Golf, in Pakistan, Usbekistan und anderswo) betrachtet, könnte man sogar behaupten, dass Al Qaidas Einsatz und Sendungsbewusstsein heute größer ist als je zuvor.

Der Aktienwert der Organisation ist bei ihren Anlegern offensichtlich nicht gesunken. Diese Faktoren deuten auf einen langen Kampf im Krieg gegen Al Qaidas Markenterrorismus hin.

Der Autor ist Professor für Sicherheitsstudien an der Georgetown University, Washington D.C.

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