Zeitung Heute : Testamente der Angst

Die Cousine weinte beim Notar, der Cousin trampelte auf dem Boden. Und er? Er war jetzt reich. In Deutschland wird so viel vererbt wie noch nie. Das Geld bringt den Nachkommen Wohlstand, Freiheit – und Kummer

Sylvie-Sophie Schindler

Mit kullergroßen Augen saßen sie da, einige schüttelten den Kopf. Das hatten sie nun nicht erwartet. „Mensch, Alter, du kannst es dir doch leisten, also, mach schon, gib uns noch eine Runde aus“, grölte sein bester Freund. Am nächsten Tag hatte Paul* Kopfschmerzen und die Nummer des Freundes aus dem Handy gelöscht.

Paul hatte sich zum ersten Mal geweigert, die Rolle zu spielen, die ihm die Menschen in seiner Umgebung seit einiger Zeit zudachten: Sie nannten ihn das „Million-Dollar-Baby“.

Paul sagt: „Ich habe alle mit meinem Geld zugeschissen.“ Er lacht, kurz nur, und wirkt dabei überrascht, als ob er sich schon lange nicht mehr hat lachen hören. Vorletzte Woche kam die Depression wieder, sie blieb mehrere Tage, und sie wird wiederkommen, sagt er, wie eine treue Freundin. Paul, 27 Jahre alt, blonde Locken, tätowierter Unterarm, lacht wieder, aber nicht wie über einen Witz, und sagt: „Sie ist wohl die einzige Freundin, die ich noch habe.“ Dass Geld einsam mache, habe er früher für ein Märchen gehalten. Etwas, das sich Leute erzählen, die neidisch sind, wenn einer mehr hat als sie.

Sein Psychotherapeut habe ihm gesagt, er sei nicht der erste Patient, der nach einer Erbschaft bei ihm in der Praxis gelandet sei. „Ich bin schwieriger geworden“, sagt Paul über sich. Mit dem Geld habe das Misstrauen angefangen, das sei vorher nicht da gewesen. „Ich bin ein anderer Paul geworden, das hat andere sicher verwirrt.“ Aber wenigstens habe er nun „die Kohle, die alles wettmacht“.

Ob Fluch oder Segen: In Deutschland wird so viel vererbt wie noch nie, und es wird noch mehr werden. Schätzungen gehen von Besitztümern im Wert von zweieinhalb Billionen Euro aus, die bis 2015 an die Nachgeborenen übergehen sollen. Der Durchschnittswert einer Erbschaft hat sich seit 1990 mehr als verdoppelt und liegt heute bei 240 000 Euro.

Die Kinder der Wirtschaftswundergeneration bekommen, wovon viele träumen: Reichtum, ohne dafür schwitzen zu müssen. Andere sagen: Vermögensvermehrung über Erben widerspricht einer Leistungsgesellschaft. Wohlstand solle auf harter Hände Arbeit gründen, nicht auf Hinterlassenschaften. Zu Beginn des Lebens gehöre der Zähler auf null gestellt, Privilegien via Geburt verfälschten den Start und vergrößerten den Abstand zwischen Reichen und Armen. Die gegenwärtige – vom Bundesverfassungsgericht angestoßene – Reformarbeit am Erbrecht wird daran nichts ändern. Höchstens vier Milliarden Erbschaftsteuer-Euros pro Jahr – in etwa so viel wie 2006 – sollen nach der Gesetzesnovelle eingezogen werden.

Pauls Erbe – von der Tante aus Hamburg, die eigentlich keiner in der Familie mochte – kam überraschend. Es katapultierte ihn in eine neue Welt. Schwarzer Sportwagen statt S-Bahn-Monatskarte, Reisen nach New York statt Jobben in der Bar, Luxuskleider statt Fleckenjeans. Heute fragt sich Paul, wer genau er eigentlich sei. Er hat noch keine Antwort gefunden. Und auf dem Konto liegen immer noch knapp drei Millionen Euro.

Geschichten über das Erben sind oft keine Glücksgeschichten, und überhaupt beginnen sie erst mit dem Tod. Denn irgendwer muss vorher ja sterben. Dazu kommen oft noch Neid, Misstrauen und Spott. Im 19. Jahrhundert lästerte der Philosoph John Stuart Mill über die Erben, sie seien „Zeitgenossen, die nichts Besseres zu tun haben, als den lieben langen Tag Schmetterlinge zu haschen“. Der amerikanische Großindustrielle Andrew Carnegie, gestorben 1919, reichster Mann seiner Zeit, sagte dagegen: „Würde ich meinem Sohn statt der allmächtigen Dollars einen Fluch hinterlassen, käme es auf das Gleiche heraus.“ Wesentlich unbeschwerter betrachtet hingegen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, SPD, das Thema. Im Februar zitierte er im Bundestag ein schlesisches Sprichwort: „Eine halbe Stunde gut erben ist besser als fünf Jahre arbeiten.“ Wer weiß, was Paul dazu sagen würde. Oder Erik*.

Testamentseröffnung, Berlin, 2006, ein sommerwarmer Oktobertag. Die Cousine fing sofort an zu heulen, der Cousin trampelte auf dem Boden wie ein kleines Kind. Sie hatten nichts abbekommen. Und Erik, 45, Brille, Vollbart, dachte: „Wieso soll ich mich über das Erbe freuen?“ Der Vater war tot, Darmkrebs, es ging ganz schnell. Er vermachte Erik 50 000 Euro und eine renovierungsbedürftige Immobilie, anteilig zu einem Viertel, das andere Viertel ging an seinen Bruder, die Hälfte an die Tante. „Wir waren uns einig, die Bruchbude zu verkaufen“, erzählt Erik. Aber die Tante hält nun doch an der Immobilie fest. Wenn noch miteinander gesprochen wird, dann hagelt es Schimpfwörter, neulich fand Erik seine Autoreifen zerstochen vor. Er sagt: „Es gibt da so einen Spruch: Vertragt ihr euch in eurer Familie gut, oder habt ihr schon mal gemeinsam geerbt?“

Es mag merkwürdig klingen, aber inzwischen gibt es für Erben institutionalisierte Hilfe. Zum Beispiel „Pecunia“.

Pecunia ist ein „Erbinnen-Netzwerk“. Man kann dort den „Finanzführerschein für vermögende Frauen“ machen. Pecunia wurde unter anderen von der Millionenerbin Ise Bosch initiiert und hat seit seiner Gründung vor sechs Jahren mehr als 80 Frauen unterstützt. Aufnahmekriterium ist eine Erbschaft in Höhe von mindestens 500 000 Euro. Ise Bosch sagt: „Traditionell waren Töchter nicht als Erben vorgesehen. Sie haben noch zu wenig Vorbilder, wenn es darum geht, ein Vermögen zu verwalten.“ Frauen, die selbstbewusst mit Geld auftreten, sagt Ise Bosch, „diese Selbstverständlichkeit haben wir in Deutschland noch nicht“. Frauen befürchteten schneller als Männer, Neid zu wecken und zur Außenseiterin zu werden. Rückzug sei eine typische Reaktion, die Erbschaft werde vernachlässigt oder deren Verwaltung den Männern in der Familie überlassen.

Viele, die zu Pecunia kommen, sprechen dort zum ersten Mal außerhalb der Familie über ihr Erbe – und fühlen sich endlich verstanden. Denn geerbtes Geld fühle sich anders an als selbst verdientes, sagt Pecunia-Mitinitiatorin Marita Haibach. Nicht wenige gerieten in eine Sinnkrise, bekämen gar Schuldgefühle. Auch Partnerschaften litten. „Männer reagieren empfindlich, wenn die Frau über Nacht mehr Geld besitzt als sie selbst.“

Dass Erben ein Segen ist, zu dieser Erkenntnis müssen sich manche Nachkommen erst durchringen. Und zu einer Entscheidung darüber, wem dieser Segen eigentlich zuteil werden soll. Bei Gerald Neubauer etwa hat das Jahre gedauert.

Mit 24 Jahren erbte er die Hälfte eines Zweifamilienhauses und genug Geld, um nicht neben dem Studium arbeiten zu müssen. „Ich fand das ungerecht“, sagt Neubauer. „Am liebsten hätte ich sofort alles weggegeben.“ Und dann die Trauer, der Schmerz, der Vater war tot. Heute, Gerald Neubauer ist 33 Jahre alt, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bremen, sein Lebensstil ist unaufwendig, steckt er Teile seines Vermögens in die „Bewegungsstiftung“ und unterstützt damit Kampagnen gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel und Überwachung im Internet. „Soziale Bewegungen sind mächtige Motoren gesellschaftlichen Wandels“, sagt Neubauer. „Ihnen verdanken wir Fortschritte beim Umweltschutz und die Gleichstellung der Geschlechter.“ Ja, er sei immer noch Idealist. Ja, er glaube, mit Geld könne man die Welt ein wenig besser machen. Zumindest sei es ein Versuch. Er trifft immer wieder Menschen, die diese Meinung nicht teilen. Sie sagen: „Ich hätte nichts abgegeben.“

Dennoch steht es für die Fachleute außer Frage, dass mit der Erbschaftswelle auch das soziale Engagement boomen wird. Im Jahr 2007 war die Zahl der jährlich neugegründeten Stiftungen erstmals vierstellig. 15 500 Stiftungen gibt es derzeit in Deutschland, der Bundesverband Deutscher Stiftungen rechnet innerhalb der kommenden 25 Jahre mit einer Vervierfachung.

Blick in die USA. Dort befürchten ausgerechnet einige der Reichsten, dass das Vermögen weniger Familien in schwindelnde Höhen wächst. Der Schauspieler Paul Newman, der einstige Medienmogul Ted Turner und 1500 weitere Bestsituierte machen sich deshalb seit Jahren für den Erhalt der hohen Erbschaftsteuer stark. Mit dieser staatlichen Maßnahme werde Vermögen breiter gestreut und die Ungleichheit der Verteilung korrigiert, so das Argument.

Auch in Deutschland wird diskutiert. „Rauf mit dem Erbschaftsteuersatz“, fordert zum Beispiel der Elitenforscher Michael Hartmann. Der 55 Jahre alte Soziologe aus Paderborn hat vor vier Jahren selbst geerbt, zwei Grundstücke, Wert 250 000 Euro. „Warum soll einer, der aus eigener Anstrengung 500 000 Euro erwirtschaftet hat, Steuern zahlen, und einer der 500 000 erbt, keinen Cent?“, fragt Hartmann. Erben würden ohnehin zu den Begünstigten gehören, hätten eine bessere Ausbildung und bessere Jobs. Zurzeit sind geschätzte 90 Prozent aller Erbschaften steuerfrei, dafür sorgt ein kompliziertes System aus Freibeträgen und Sonderregelungen. Die Konsequenz: Deutschlands Erben tragen weniger zur Finanzierung der öffentlichen Haushalte bei als die Raucher. Und die aktuelle Reform der Erbschaftssteuer? Was ändert die?

Zum Beispiel, dass Immobilienerben künftig Erben von Geldvermögen gleichgestellt sind. Bislang gab es auf den Verkehrswert von Gebäuden und Grundstücken einen Abschlag von 50 Prozent, was das Bundesverfassungsgericht in einem Urteil vom November 2006 für unvereinbar mit dem Gleichheitsgrundsatz erklärte. Künftig soll sich die Steuer nach dem vollen Verkehrswert richten. Das neue Recht tritt voraussichtlich am 1. Juli 2008 in Kraft.

Auch der Prozentsatz der Erbschaft- und Schenkungssteuer soll deutlich erhöht werden. Damit wird alles, was nach Abzug des Freibetrags noch übrig bleibt, stärker besteuert. Geschwister, Nichten und Neffen zum Beispiel müssen je nach Vermögen einen Steuersatz in Höhe von 30 Prozent aufwärts zahlen – bisher geht es bei zwölf Prozent los.

Klaus Michael Groll nennt das neue Erbrecht daher auch eine „Attacke auf das Eigentum“. Der Münchner Rechtsanwalt und Präsident des Deutschen Forums für Erbrecht, sagt, dass eine vererbte Immobilie schon heute oft verkauft werden müsse, um die Erbschaftsteuer zahlen zu können. Das sei „absolut inhuman“. Der Anreiz zu vererben, müsse erhalten bleiben. „Das, was sie sich mühsam über Generationen erarbeitet haben, muss man den Menschen lassen.“ Auch Mittelständler hätten schwer zu kämpfen. „Ich spreche ständig mit Unternehmern, die Testamente entwerfen“, sagt er, und deren Unmut wachse, da die nächste Generation übermäßig belastet werde. Sowieso sei es längst nicht mehr selbstverständlich, dass Kinder das Unternehmenserbe überhaupt antreten wollen. Kinder wie Marleen zum Beispiel.

Wenn sie kurz nach Mitternacht in ihr Appartement kommt, steigt sie erst einmal unter die Dusche. Den Fettgeruch aus den Haaren waschen. Marleen, 23 Jahre alt, blondes Haar bis zur Hüfte, arbeitet als Kellnerin in einem New Yorker Burgerlokal. Eigentlich könnte sie in Hamburg sitzen, in einer Villa, und Chefin eines kleinen, lukrativen Unternehmens sein, das ihr die Mutter hinterlassen hat. „Bin doch keine Spießertussi“, sagt Marleen. Ihren Pflichtanteil hat sie ihrem Bruder geschenkt. „Wer Geld hat, ist nicht frei“, sagt sie. Demnächst will sie nach San Francisco trampen.

* Namen geändert

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