Zeitung Heute : Teuer, aber realisierbar: Das Kraftwerk ohne Abgase

CAROLA HANISCH

Beim Thema Klimaschutz gibt es zwei Ideologien: Die einen sagen, wir müssen vor allem unser Verhalten ändern: Energie sparen und auf alternative Energieträger umsteigen. Weniger Flugreisen, Stromsparlampen, 3-Liter-Auto, Sonne, Wind und Wasser. Die anderen sagen, eigentlich brauchen wir uns gar nicht allzu sehr umzustellen - die Technik wirdÕs schon richten. Wir können zum Beispiel weiter Kohle und Gas verstromen, müssen aber dafür emissionsfreie Kraftwerke bauen. Möglich ist das sogar, darin muß man den Technik-Anhängern recht geben. Der norwegische Energie-, Chemie- und Metallkonzern Norsk Hydro hat ein Konzept für ein Öko-Gaskraftwerk ausgetüftelt, das kein Kohlendioxid ausstößt. Nur: Ob es sich wirtschaftlich rechnet, ist derzeit noch eine ungelöste Frage. Und darüber streiten die norwegischen Geschäftsleute zur Zeit noch.

Ein emissionsfreies Kohle- oder Gaskraftwerk - das erscheint auf den ersten Blick als Spinnerei. Tatsächlich ist es schlichtweg unmöglich, kohlenstoffhaltige Energieträger zu verbrennen, ohne dabei gleichzeitig Kohlendioxid und Wasserdampf freizusetzen. Aber man muß das Treibhausgas Kohlendioxid ja nicht in die Atmosphäre entlassen, sondern könnte es anderweitig verwenden oder an einem sicheren Ort ent-sorgen.

Dabei stehen die Fachleute vor zwei Hauptproblemen: wie kriegt man das CO2 aus den Abgasen heraus, und wohin leitet man es? Problem Nummer eins ist schon einmal nicht leicht zu lösen. Kohlendioxid liegt nämlich sehr verdünnt in den Kraftwerksabgasen vor. Es läßt sich nur aufwendig abtrennen, indem man die riesigen Abgasströme durch eine Art Waschmittel leitet. Dieser Prozeß frißt Energie und verteuert den Strom.

Die Techniker von Norsk Hydro haben sich ein anderes Verfahren ausgedacht. Sie wollen das Kohlendioxid nicht nach der Verbrennung aus dem verdünnten Abgas abtrennen, sondern bereits vorher, wenn die Gase noch konzentriert sind. Dazu wandeln sie das Erdgas mit Wasserdampf und Luft um, wobei CO2, Wasserstoff und Stickstoff entsteht. Das Treibhausgas trennen sie ab, und nur die restlichen Gase werden verbrannt. Es handelt sich dabei also im Prinzip um ein Wasserstoffkraftwerk. Bei der eigentlichen Verbrennung entsteht nur Wasserdampf und wenig Stickoxid. Trotz der verbesserten Technik arbeitet auch dieses Kraftwerk weniger effizient als ein modernes Gaskraftwerk, voraussichtlich um rund neun Prozent. Dafür gelangt das Kohlendioxid aber nicht in die Atmosphäre.

Damit sind wir bei Problem Nummer 2 angelangt: wohin damit? In Norwegen liegt die Lösung nahe. Das Gas läßt sich bei der Förderung von Erdöl verwenden. Norsk Hydro will das CO2 in das Grane-Ölfeld unter der Nordsee pumpen. Dort soll es dazu beitragen, den Druck in der Lagerstätte aufrecht zu erhalten und die Fließfähigkeit des Öls zu verbessern. Ein Großteil des Kohlendioxids bleibt im Reservoir und darf - zumindest für geologische Zeiträume - als entsorgt betrachtet werden. Ein solches Verfahren wird weltweit häufig angewandt, vor allem in den USA, nur hat es dort mit Umweltschutz nichts zu tun. Das bei der Erdölförderung eingesetzte Kohlendioxid stammt normalerweise nämlich nicht aus saubererer Stromerzeugung. Es wird extra für diesen Zweck in riesigen Mengen produziert.

In Norwegen ist der Gedanke der CO2-Entsorgung unter der Erde aber auch nicht neu. Seit Ende 1996 pumpt der staatliche Erdgasriese Statoil etwa eine Million Kubikmeter Kohlendioxid jährlich unter die Erde. Es fällt bei der Erdgasgewinnung an und wird aus Umweltgründen in einen brackwassergefüllten Hohlraum unter der Nordsee gepumpt. Derzeit läuft ein internationales Forschungsprogramm an, in dessen Rahmen die Experten herausfinden wollen, wie sich das CO2 dort unten verteilt. Doch zurück zu dem Kraftwerk: Norsk Hydro plant nicht etwa einen kleinen Prototyp, sondern ein richtig großes Kraftwerk. Seine Kapazität soll 1,3 Gigawatt betragen. Damit würde es zehn Prozent des norwegischen Strombedarfs decken. Voraussichtlicher Standort ist Karmoy an der Westküste des Landes. Ende letzten Jahres wurde das technische Konzept abgesegnet, für dessen Entwicklung der Konzern erhebliche Mittel aufgewendet hat, und das Genehmigungsverfahren wurde bei den Behörden eingeleitet.

Anfang 2003 soll das Kraftwerk eigentlich in Betrieb gehen. Doch vorher muß der Konzernvorstand noch endgültig Ja zu dessen Bau sagen. Diese Entscheidung hätte eigentlich schon im April fallen sollen, doch offenbar gestalten sich die Geschäftsverhandlungen schwieriger als erwartet. In der Tat ist es äußerst fraglich, ob das Kraftwerk ökonomisch wirklich Sinn ergibt. Eigentlich ist es sogar sehr wahrscheinlich, daß derzeit eher das Gegenteil zutrifft. Die Entscheidung, die die Manager demnächst zu treffen haben, ist daher wohl eher eine strategische: Glauben sie, daß Energie in Zukunft teuer wird, so daß umweltfreundliche Alternativen gefragt sind? Und wenn ja: Wie schnell wird es gehen, und wie teuer wird konventionell erzeugte Energie sein? Die Antwort auf diese Frage würden sicher viele gern wissen. Kein Wunder, daß sich die Manager mit der Entscheidung schwertun.

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