Zeitung Heute : Teuer – dafür wirkungslos

Der Tagesspiegel

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Im Wahlkampf wird die richtige Therapie für das marode Gesundheitssystem ein Kernthema sein. Nachdem alle Versuche, dessen Wirtschaftlichkeit durch strukturelle Reformen zu verbessern, an den Eigeninteressen der Lobbyisten gescheitert sind, wird jetzt darüber diskutiert, die Leistungen für die Versicherten einzuschränken: „Grundleistungen“ sollen weiter von den gesetzlichen Kassen bezahlt werden, für „Wahlleistungen“ kann sich jeder nach Bedarf zusätzlich privat versichern. Kritiker sehen darin eine „Zwei-Klassen-Medizin“, Gesundheitsministerin Schmidt erteilte den Vorschlägen eine Abfuhr: „Ich kann nicht die einen zu Aldi schicken und die anderen in die sechste Etage des KaDeWe“, sagte sie.

Der kulinarische Vergleich hinkt jedoch gewaltig. In der Krankenversorgung geht es nicht um Mensaessen oder Gourmetgerichte, sondern um medizinisch Notwendiges oder Überflüssiges. Zwar ist die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit fließend: Der eine schleppt sich mit Grippe ins Büro, der andere bleibt bereits bei Schnupfen zu Hause. Der eine geht jede Woche wegen Lappalien zum Arzt, der andere fühlt sich solange gesund, bis er nicht mehr stehen kann. Doch jeder, der mit dem Notarzt in die Klink gebracht wird, bekommt die gleiche Intensivbehandlung und jeder Schwerkranke hat Anspruch auf die beste verfügbare Therapie – was medizinisch erforderlich ist, wird immer Bestandteil der allen zustehenden „Grundleistungen“ sein.

Die Kostenexplosion im Gesundheitswesen ist so alarmierend, weil sie nicht auf medizinisch notwendige Leistungen, sondern auf Überflüssiges zurückzuführen ist. Ein Großteil der „neuen“ Medikamente ist zwar teurer, aber nicht wirksamer als bereits vorhandene Präparate – geschicktes Marketing und mangelhafte Kenntnisse bei den Ärzten garantieren trotzdem hohe Umsätze.

Niedergelassene Ärzte rechnen ab, was die Gebührenordnung hergibt – nach einschlägigen Schätzungen ist mindestens ein Viertel aller abgerechneten Leistungen überflüssig. Umgekehrt haben es oft gerade diejenigen Innovationen schwer, mit denen Kosten gespart werden könnten: Die „minimalinvasive Chirurgie“, die Eingriffe endoskopisch mit winzigen Schnitten durchführt, hatte in Deutschland erhebliche Anlaufschwierigkeiten, da die kürzeren Liegezeiten für die Kliniken unrentabel sind.

Das deutsche Gesundheitssystem ist zwar eines der teuersten der Welt, in der Qualität liegt es jedoch nur im unteren Mittelfeld. Entsprechend könnte ein Großteil der von der gesetzlichen Krankenversicherung getragenen Leistungen gestrichen werden, ohne die Gesundheit der Deutschen zu verschlechtern. Zu demselben Ergebnis kommen Untersuchungen mittels „Evidenzbasierter Medizin“ (EBM), einem wissenschaftlichen Verfahren zur Messung der Wirksamkeit medizinischer Methoden. Während etwa in Großbritannien und den USA die von den Versicherungen bezahlten Leistungen mittels EBM festgelegt werden, entscheidet in Deutschland jeder Arzt für sich und seinen Patienten über die Art der Behandlung.

Bei konsequenter Beschränkung der Grundleistungen stünde jedem Mitglied der Solidargemeinschaft das ganze Spektrum der modernen Medizin zur Verfügung. Dadurch würde ein Großteil der Leistungen, mit denen die Gesundheitsindustrie heute Geld verdient, als das gekennzeichnet, was sie sind: wirkungslos und überflüssig.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Mikrobiologie an der Uni Halle

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