Zeitung Heute : Teuerung in Raten

Vier Prozent: Die Inflation im Euroraum ist so hoch wie seit 1999 nicht mehr. Ist eine Zinserhöhung sinnvoll?

Stefan Kaiser

Die Empörung ist riesig. Dabei ist bisher noch gar nichts geschehen. Morgen wird die Europäische Zentralbank (EZB) aller Voraussicht nach die Leitzinsen für den Euroraum um 0,25 Prozentpunkte auf dann 4,25 Prozent erhöhen. Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) hält das für keine gute Idee. „Die EZB sollte bedenken, welche Auswirkungen eine Zinserhöhung auch im prozyklischen Sinne vor dem Hintergrund der abflauenden Wirtschaftskonjunktur hat“, sagte er am Dienstag und kam damit zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage der unabhängigen Zentralbank ins Gehege.

Steinbrück steht mit seiner Kritik nicht allein. Die Gewerkschaften laufen bereits seit Wochen gegen die angekündigte Zinserhöhung Sturm. Und selbst die liberalen Ökonomen vom Münchner Ifo-Institut warnen, die EZB dürfe „den Bogen nicht überspannen“. Dahinter steckt die Sorge um die deutsche Konjunktur, der ohnehin langsam die Luft auszugehen droht. Erhöht die EZB jetzt auch noch die Zinsen, wird sie den Abschwung verstärken, lautet die Befürchtung.

Der Leitzinssatz bestimmt die Kosten, zu denen sich die Banken bei der EZB Geld leihen können. Hebt die Notenbank den Satz an, geben die Banken dies in der Regel an ihre Kunden weiter. Sparer können also einerseits mit höheren Guthabenzinsen rechnen – doch wer sich Geld leihen, will, für den wird es teurer. Das gilt sowohl für Unternehmen als auch für Verbraucher. Die Folge: Unternehmen können weniger Kredite aufnehmen und auch die Verbraucher konsumieren nicht mehr so gerne auf Pump. Das dämpft, mit zeitlicher Verzögerung von gut einem Jahr, sowohl die Investitionen als auch den privaten Verbrauch, die zwei wichtigsten Komponenten der Binnennachfrage. Diese Bremse wird gerade dann wirken, wenn Deutschland eine Stimulierung der Konjunktur dringend nötig hätte.

Hinzu kommt, dass steigende Zinsen den Eurokurs nach oben treiben, weil ausländische Anleger ihr Geld in den Euroraum umschichten, um hier höhere Renditen zu kassieren. Der hohe EuroWechselkurs belastet aber schon jetzt die deutsche Wirtschaft, weil er Exporte ins Ausland deutlich teurer macht. Dieser Effekt würde durch eine Leitzinserhöhung noch verstärkt, warnen die Kritiker.

Allerdings wünscht sich die Exportwirtschaft selbst höhere Zinsen. Dies sei die „einzig richtige Reaktion auf die hohe Inflationsrate“, meint Anton Börner, Präsident des Bundesverbands Groß- und Außenhandel (BGA). Die zunehmenden Inflationsgefahren sind das zentrale Argument der Befürworter einer Zinsanhebung. Im Juni waren die Preise im Euroraum um 4,0 Prozent gestiegen – so stark wie noch nie seit dem Start der gemeinsamen europäischen Währung 1999. Und auch in Deutschland lag die Inflationsrate mit 3,3 Prozent deutlich höher als von der EZB gewünscht. Sie peilt eine jährliche Preissteigerungsrate von knapp unter zwei Prozent an.

Die aktuellen Teuerungsraten werden vor allem durch Entwicklungen im Ausland beeinflusst. Die stark gestiegenen Weltmarktpreise für Öl, Gas und Strom, aber auch für viele Lebensmittel, machen das Leben für die Verbraucher teurer. Doch hier kann die EZB kaum entgegenwirken. Höhere Zinsen dämpfen zwar die Inflation bei Gütern aus dem Euro-Raum, nicht aber bei importierten Gütern. „Gegen steigende Ölpreise kann eine Notenbank nichts ausrichten“, sagt Gustav Horn, Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung und einer der Gegner einer Zinserhöhung.

Wohl wahr – geben die Befürworter zu: Die Energiepreise würden durch die Zinserhöhung vermutlich nicht sinken, es würden aber sogenannte Zweitrundeneffekte vermieden. Solche Effekte treten auf, wenn die Unternehmen gestiegene Kosten an die Verbraucher weitergeben und Gewerkschaften den Kaufkraftverlust mit kräftigen Lohnforderungen zurückholen. So wird wohl auch die EZB am Donnerstag argumentieren. „Es gibt klare Anzeichen, dass Zweitrundeneffekte begonnen haben, sich auszubreiten“, hatte das deutsche Direktoriumsmitglied Jürgen Stark bereits in der vergangenen Woche gewarnt. Und er hatte auch gleich noch ein weiteres Argument für den Zinsschritt geliefert: „Aus Gründen der Glaubwürdigkeit“ müsse die EZB wohl handeln. Hier liegt ein wichtiger Grund für die wahrscheinliche Zinserhöhung: Die EZB will ein Signal setzen, um künftige Inflationserwartungen zu dämpfen.

„Das ist hauptsächlich ein politisches Signal“, sagt denn auch Christian Dreger, Leiter der Konjunkturabteilung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Er sieht die erwartete Zinserhöhung ziemlich gelassen. Die Auswirkungen auf die Konjunktur seien ohnehin eher gering, solange es bei ein oder zwei Schritten von je 0,25 Prozent bleibe. So sei die EZB schon vor einigen Jahren in einer Modellrechnung zu dem Schluss gekommen, dass selbst eine Zinserhöhung um einen Prozentpunkt das Wirtschaftswachstum in der Eurozone um lediglich 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte dämpfe. Dies hätten auch eigene Modellrechnungen des DIW bestätigt. „Geldpolitik wirkt in Europa lange nicht so stark wie in den USA“, sagt Dreger. So reagierten etwa die Preise hierzulande nicht so sehr auf die Zinsen. Auch seien die Unternehmen längst nicht mehr so sehr von Bankkrediten abhängig wie noch vor einigen Jahren.

Gute Nachrichten, könnte man meinen. Umgekehrt heißt dies allerdings auch, dass sich die Inflation mit einer Zinserhöhung von 0,25 Prozentpunkten wohl nicht in den Griff bekommen lässt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar