Zeitung Heute : The „Berlin Brain“

Heute erhält die Freie Universität ihr neues Wahrzeichen – die Foster-Bibliothek

Lord Norman Foster

Die gesamten Neunziger hindurch und bis ins neue Jahrhundert hinein war Berlin die größte Baustelle Europas. Die Silhouette der Stadt war von einem Gewirr aus Baukränen und -schildern gezeichnet. Und auch heute noch scheint sich das Stadtbild fast täglich zu wandeln. Ich kann nicht mehr genau sagen, wie oft ich in den vergangenen Jahren in Berlin war, aber ich habe mit jedem neuen Besuch neue Veränderungen bemerkt – und das Tempo ist erstaunlich.

Als Architekturbüro sind wir gerne in Deutschland tätig, nicht zuletzt wegen der aufgeklärten Einstellung, mit der man hier an Themen wie Energieerhaltung und Stadterneuerung herangeht. In den frühen Neunzigern, als wir an der Reichstag-Ausschreibung teilnahmen, führten wir mehrere Bauprojekte in Deutschland durch. In Duisburg arbeiteten wir einen regenerativen Masterplan aus und entwarfen eine Reihe von Niedrigenergie-Häusern. In Essen verwandelten wir ein beeindruckendes Kraftwerk aus dem frühen 20. Jahrhundert in ein Zentrum für Industriedesign. In Berlin zu arbeiten und den Reichstag umzugestalten, schien uns ein Konzentrat aller Themen zu sein, die unsere Arbeit ausdrückt – nicht zuletzt die zentrale Frage nach der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und ihrer Einbindung in die heutige Zeit. Auch das Projekt „Freie Universität“ spiegelt diese Aspekte wider.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nimmt die Freie Universität eine zentrale Rolle in der intellektuellen Landschaft und Geschichte Berlins ein. Sie ist eines der wichtigsten institutionellen Symbole der Stadt: Mit der Gründung der Freien Universität war eine freie Lehre in Berlin wiedergeboren. Heute ist die FU mit über 35 000 Studenten die größte der drei Berliner Universitäten. Unsere Neugestaltung des Campus umfasst die Restaurierung der modernistischen Gebäude und den Entwurf für eine neue Philologische Bibliothek.

Der ausgedehnte, breitflächige Campus wurde 1963 von den Architekten Candilis, Josic, Woods und Schiedhelm entworfen. Mit der Fertigstellung des ersten Gebäudekomplexes im Jahre 1973 wurde der Campus als Meilenstein moderner Universitätsplanung gefeiert und diente als Modell für weitere Universitätsgelände auf der ganzen Welt. Die Fassade wurde in Zusammenarbeit mit Jean Prouvé, einem meiner persönlichen Vorbilder, entworfen. Der Entwurf folgt Le Corbusiers proportionalem „Modulor“-System. Die Fassade besteht aus eingefassten Paneelen aus Corten-Stahl, einem Material, das – in der richtigen Stärke eingesetzt – durch Korrosion eine Art Schutzschicht ausbildet. Seinem leicht angerosteten Anblick verdankt dieses Gebäude den Spitznamen „Rostlaube“.

Leider begannen die von Prouvé eingesetzten eleganten Segmente aus Corten-Stahl zu stark zu korrodieren. In den späten 1990ern war der Verfallsprozess bereits weit vorangeschritten. Als Teil der umfangreichen Renovierungsarbeiten ersetzen wir die korrodierten Segmente und fassen sie in Rahmen aus selbst patinierender Bronze ein, einem Material, das praktisch unverwüstlich ist. Diese neuen Einfassungen bleiben Prouvés ursprünglichen Plänen treu, auch wenn einige Details verändert wurden, um den heutigen Erfordernissen in Bezug auf Technik und Energieerhalt nachzukommen. Das Dach wird komplett begrünt – so bietet es zusätzliche Isolation und verbessert das Mikroklima.

Sechs der Innenhöfe des Universitätskomplexes wurden zusammengelegt, um Raum für eine neue Philologie-Bibliothek zu schaffen. Mit dem Bibliotheksgebäude entwickeln wir Ideen weiter, die wir ursprünglich Mitte der Siebziger beim Climatroffice-Projekt gemeinsam mit dem großen amerikanischen Entwickler und Umweltschützer Richard Buckminster Fuller verfolgt haben. Das Climatroffice-Konzept entstand während der frühen Planungsstufen unseres Willis Faber & Dumas-Gebäudes in Ipswich, England. Wir stellten uns Climatroffice als durchsichtige, leichte Kuppel mit eigenem Mikroklima vor. Das Konzept brachte viele der zentralen Themen unserer Arbeit auf den Punkt: Flexible Nutzbarkeit durch multifunktionale Räume, Energieeffizienz, größtmöglicher Innenraum bei kleinstmöglicher Außenfläche, leichtgewichtige Hüllen und Wände sowie die Nutzung natürlichen Lichts und natürlicher Belüftung. Diese Überlegungen sind nun in die Pläne für das neue Bibliotheksgebäude eingeflossen. Das fünfstöckige Gebäude ist von einer frei geformten Außenhülle aus Aluminiumsegmenten, Belüftungselementen und doppelt verglasten Scheiben umgeben, die durch eine Stahlrahmenkonstruktion in Radialgeometrie gestützt werden. Der Hohlraum innerhalb dieser Doppelhülle erzeugt eine Art „Solarmotor“, der das natürliche Belüftungssystem antreibt. Eine Innenmembran aus durchscheinendem Glasfasergewebe filtert das Sonnenlicht und erzeugt eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre; gleichzeitig geben vereinzelte verglaste Öffnungen kurze Blicke auf den Himmel frei. Die Regale befinden sich im Mittelpunkt jedes der vier Stockwerke; die Arbeitstische sind außen um sie herum angeordnet. Die Außenkanten der einzelnen Stockwerke beschreiben serpentinenartige Kurven, wodurch die Kantenlänge und damit der eingefasste Arbeits- und Studienraum vergrößert wird. Da der Umriss eines jeden Stockwerks in Relation zu den angrenzenden Etagen vorstößt oder zurückgeht, entsteht am äußeren Rand ein durchgängiges Muster von Räumen mit doppelter Deckenhöhe - großzügige, lichtdurchflutete Arbeitsplätze. Wir waren amüsiert, als wir hörten, dass das neue Gebäude mit seiner runden Form bereits einen Spitznamen hat - „the Berlin brain - das Berliner Hirn“.

Der Autor ist einer der bekanntesten Architekten der Gegenwart

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