Zeitung Heute : „The circle is round now“

Dieter Lenzen

Am Ende des Jahres ihres 60. Geburtstages blickt die Freie Universität zurück auf zwölf Monate, die ganz bewusst nicht im Zeichen unbändiger Feiern standen, sondern unter dem Eindruck großer Anstrengung. Die Ergebnisse des Exzellenzwettbewerbs wurden fieberhaft umgesetzt, viele neue Menschen sind dadurch an die Freie Universität gekommen. Für die Forschungsstiftung des Landes Berlin, die Einsteinstiftung, musste eine adäquate Form verhandelt werden, die die Forschungsfreiheit unserer Wissenschaftler nicht beeinträchtigt. Es war der Beginn zu machen mit den Vertragsverhandlungen für die künftigen Hochschulverträge. Und: Die Pläne für die nächste Exzellenzinitiative reifen.

Gleichwohl fand der 60. Geburtstag der Freien Universität große Aufmerksamkeit. Der Bundespräsident beehrte die Freie Universität mit seinem Besuch aus Anlass der diesjährigen Immatrikulation, der frühere polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski wurde mit dem Freiheitspreis der Freien Universität Berlin geehrt, Historiker entdeckten einen Brief Ernst Reuters, in dem sich der ehemalige Regierende Bürgermeister visionär zur Freien Universität bekennt: Der 4. Dezember fand deutschlandweit viel Beachtung in zahlreichen Zeitungsartikeln, Rundfunk- und Fernsehsendungen. Durchgängig freundlich blickten die Zeitgenossen auf die Jubilarin und erinnerten sich an die Umstände ihrer Entstehung. Das tat die Freie Universität auch im engsten Kreise, als die Ernst-Reuter-Gesellschaft über 30 Erstimmatrikulierte, ihre Gründungsstudenten, in das Clubhaus einlud zu einer Geselligkeit, an der auch fünf ehemalige Wissenschaftssenatoren, alle ehemaligen Präsidenten der Freien Universität und ihre Kanzler teilnahmen. Eine Art Familienfest.

An diesem Tage fehlten einige, darunter einer, dessen Sohn und dessen Lebensgefährtin mich aufsuchten und mir berichteten: Werner Schneider kam eines Tages nicht nach Hause. Die spätere Mutter seines Kindes – sie war schwanger – erfuhr, dass er abgeholt worden war, und es hieß, er befinde sich in einem Gefängnis in Dresden. Sie eilte dorthin, fand ihn nicht dort, wo er sein sollte, im Gefängnis nicht und auch nicht in den Kellern eines Hauses, in dem politisch Missliebige gefangen sein sollten, zu denen auch Studenten der ersten Stunde der Freien Universität gehörten. Irgendjemand steckte ihr ein Foto Werner Schneiders zu, was sie als ein Lebenszeichen verstehen konnte, aber es war ein Todeszeichen. Das hat sie erst im 60. Jahr der Freien Universität erfahren, als sie in diesen Tagen den Ort auf dem Campus besuchen konnte, an dem die Freie Universität an die ermordeten Studenten erinnert – die Skulptur „Perspektiven“ von Volker Bartsch. Die Mutter des Sohnes Werner Schneiders erfuhr nie wieder etwas über ihn, wanderte später mit dem fünfeinhalbjährigen Kind nach England aus, und saß mir nun gegenüber, gemeinsam mit ihrem Sohn. Sie erzählte, dass sie irgendwann einen Film über das Massaker der Russen in Katyn gesehen habe und die Vorstellung nicht loswerde, dass dieses auch Werner Schneiders letzte Sekunden waren, der Blick auf vermummte, lederbekleidete Gestalten, blutbesudelt, einen Handschuh über der linken Hand, mit der bloßen rechten die Pistole haltend, aus deren Lauf die tödlichen Kugeln kommen. Der Sohn, sie nicht mehr, hat das Massengrab in Moskau besucht. Zahllose Deutsche liegen darin, aber auch Italiener, Polen, Österreicher, Japaner.

All das auf Englisch, immer wieder unterbrochen durch den Kampf gegen unsere Tränen. Ich frage, ob es besser gewesen wäre „not to know“. – Beide wehren ab – „no, the circle is round now.“ Werner Schneider wurde am 20. Oktober 1951 erschossen. Fadenscheinige Begründung eines sowjetischen Militärtribunals: Wegen angeblicher Mitgliedschaft in der Freien Demokratischen Partei sowie der Verbreitung antisowjetischer Schriften und Spionage.

The circle is round now. Nie endet der Kampf um die Freiheit. Ich wünsche allen Freunden der Freien Universität und ihren Angehörigen ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen sanften Übergang in ein neues, gutes Jahr.

Der Autor ist Präsident der Freien Universität Berlin.

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