Zeitung Heute : "The Plant": Ab heute geht Stephen King den Verlegern an den Kragen

Andreas Oswald

Darauf haben die Leser lange gewartet: Vom heutigen Montag an veröffentlicht Stephen King einen Roman in Fortsetzungen auf seiner Internetseite "Stephenking.com". Der amerikanische Erfolgsautor lehrt damit die Verleger das Fürchten. Der Buchhandel und die Verlage werden dabei komplett umgangen, und die Fans des Bestsellerautors können sich das erste Kapitel des unvollendeten Briefromans "The Plant" (Die Pflanze) auf ihren Computer herunterladen.

Auch im Roman geht es den Verlegern an den Kragen. Wie vorab von Fans in pingeliger Kleinarbeit herausgefunden werden konnte, handelt der Roman von einem Autor, der einem Verleger sein Manuskript sowie Fotos von einem angeblichen Mord schickt. Der Verleger alarmiert die Polizei. Die Geschichte des Romans wird dadurch vorab bekannt und der Autor bekommt wegen der Illoyalität des Verlegers Schwierigkeiten.

Er rächt sich dafür an seinem Verleger, in dem er ihm eine böse Pflanze (The Plant) schenkt, die sich als fleischfressend herausstellt und den Verleger aussaugt. Die einzelnen Details sind nicht offiziell bestätigt, aber auf zahlreichen Fan-Seiten im Internet verbreitet. Die Verleger haben heftig darauf reagiert, dass der Roman ohne ihre finanzielle Beteiligung über Internet vertrieben wird. Bei dem letzten Roman, den der Autor über Internet vertrieb, saß sein Hausverlag noch mit im Boot und verdiente kräftig mit.

Die Verleger befürchten, dass sie durch das Internet überflüssig werden. Sie beklagen außerdem vorgeblich im Namen der Autoren, dass durch das Internet kein Urheberrecht gewährleistet sei. Auch wenden sie sich gegen das Konzept, dass der Roman nur dann vollständig erscheint und verkauft wird, wenn er den Lesern gefällt.

Das zweite Kapitel soll ab 21. August zum Herunterladen bereitstehen. King setzt dabei voll auf die Ehrlichkeit seiner Leser: Pro Kapitel sollen sie ihm einen Dollar (rund zwei Mark) zukommen lassen. Wie, das verkündet King erst heute. Fortsetzen will der Autor den Roman nur, wenn auch genügend Leute tatsächlich bezahlen. "Ich weiß nur, dass ich eine verdammt gute Geschichte zu erzählen habe, und wenn ihr mich bezahlt, dann erzähle ich sie auch", sagte er. "Wenn nicht, hört sie auf."

Vollenden will King sein Buch, wenn mindestens 75 Prozent der Nutzer für die einzelnen Kapitel auch wirklich bezahlen. Dabei hofft er, dass der Anfang des Buches die Leser so neugierig macht, dass sie von ganz alleine Geld schicken. Es ist das erste Mal, dass ein bekannter Autor ein Buch ohne Verlag direkt für seine Leserschaft zur Verfügung stellt. Den Anstoß für die Entscheidung gab der große Erfolg der Internet-Veröffentlichung seines neuen Buchs "Riding the Bullet" ("Ritt auf der Pistolenkugel") durch das Verlagshaus Simon & Schuster im März. Das Buch verkaufte sich binnen zwei Tagen 500 000 Mal.

Die Idee, sich die Lektüre per Scheck bezahlen zu lassen, ist King nach Angaben seiner Mitarbeiter gekommen, als er einen Scheck über 2,50 Dollar (etwa fünf Mark) von einem Leser mit schlechtem Gewissen erhielt, der seinen Roman "Riding the Bullet" vor der offiziellen Veröffentlichung im Internet auf einer "Piraten-Website" gelesen hatte.

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