Zeitung Heute : "The Plant": Stephen Kings Internet-Thriller nimmt die Verlagsbranche auf die Schippe

Clemens Wergin

Der King des Horror, Vorname Stephen, lernt nun auch seine Verleger das Fürchten und veröffentlicht seinen neuesten Thriller im Internet. "Meine Freunde", begrüßt King seine Fans auf der Web-Seite, "wir haben eine Chance, zum schlimmsten Albtraum der großen Medienkonzerne zu werden." King will den direkten Kontakt zu seiner verschworenen Leser-Gemeinde: Wer zur Internet-Seite des Autors surft, um sich das erste Kapitel von "The Plant" ("Die Pflanze") herunterzuladen, stolpert über einen Anstands-Vertrag zwischen dem Autor und seinen Fans. King verpflichtet sich, das zweite Kapitel am 21. August ins Netz zu stellen. Von seinen Lesern erwartet er im Gegenzug honoriges Verhalten. Will heißen: ein Honorar von einem Dollar pro Kapitel. Der Haken: Wenn weniger als 75 Prozent ihr Kapitel ohne Obulus herunterladen, wird es im September keine weitere Lieferung geben. Die Story endet im Nichts.

Das Netz ermöglicht einen direkten Draht zwischen Produzent und Konsumenten. Wie zu der Zeit, als man dem Bauern noch die Sau abkaufte, um sie selbst zu schlachten und zu essen. Und so hat Kings Aktion etwas vom ältesten Gewerbe der Welt, ähnelt dem Strip einer Hure: Ist der Leser erstmal heiß gemacht, muss geblecht werden. Ansonsten ist Sense. Aber wie bei der entblößten Nutte existiert auch hier ein Augenblick brutaler, nackter Ehrlichkeit. Denn der Freier wird nicht zahlen, wenn ihm das Gezeigte nicht gefällt. Und so muss auch der Fan nicht das Buch im Sack kaufen. Denn Rattenfänger King ist sich seiner Sache sicher. Der Köder ist ausgelegt.

"Die Pflanze" startet als Briefroman. Und spielt genau in jener Branche, um deren Abschaffung sich King bemüht: Im Verlagsgewerbe. Die Story ist in den 80er Jahren angesiedelt, vor der großen Internet-Revolution. Statt stammelnder SMS-Botschaften und E-Mails in Pidgin-Englisch schreiben sich die Lektoren des New Yorker Horror-Verlags "Zenith House" seitenlange interne Memos. Lektor John Kenton ist selber verkrachter Roman-Autor. Und ein Zyniker, der von guter Literatur träumt, aber Bücher verlegen muss, die "Schlitz mich auf, Darling" oder "20 Psycho-Gartenblumen" heißen. Eines Tages erreicht ihn ein Brief von Carlo Detweiller, der eine weitere Blüte aus dem Horror-Garten anbietet: "Wahre Geschichten dämonischer Plagen" soll das Buch des "Gärtner-Assistenten" heißen. Es sei gruselig und zudem wahr. Außerdem könne er, Detweiller, noch einige Rezepte für Zaubertränke anbieten. Der ganz normale Horror-Mix eben: Ein wenig Hexerei, ein bisschen Esoterik. Nachrichten aus der Gruftyszene und ein wenig Filmblut. Kenton will das Manuskript sehen.

Detweillers Machwerk entpuppt sich als genauso schlimm wie befürchtet. "Ein Abgrund, jenseits aller Hoffnung", meint Kenton. Was ihn alarmiert sind jedoch die beigelegten Fotos von schwarzen Messen. Alle gestellt, alle schlecht. Bis auf jene Sequenz, die eine rituelle Opferung in einem Gewächshaus zeigt: Ein alter Mann mit vom Terror gezeichneten Gesicht wird ermordet und sein Herz aus dem Brustkorb geschnitten. King hat den Haken ausgeworfen, beim Leser beginnt das bekannte Kribbeln im Solarplexus und die Geschichte ist - vorerst - zu Ende. Fortsetzung im August. Auflösung nur unter Bezahlung.

"Eigentlich ganz in Ordnung", findet Lothar Mende diese Aktion. Der Programmdirektor bei Ullstein hat den Erfolgsautor vom Heyne-Verlag mitgebracht. Als "Warnschuss" bezeichnet er Kings Bypass-Operation am Verlags-Herzen. Und als "kleine Mahnung an die Konzerne, dass es neben den Bilanzen auch noch den Faktor Autor gibt." Eugen Emmerling, Sprecher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, sieht die Internet-Veröffentlichung "eher als künstlerisches Happening". "Ein nettes, interessantes Spiel", das aber nicht die Zukunft der Belletristik sein könne. Gerade im Internet-Zeitalter sei der Verleger gefragter denn je. Schließlich mangele es nicht an Texten im Netz, sondern an Filtern. Ohnehin kann sich solch eine Aktion nur ein Autor leisten, der zur Marke geworden ist. Und der eine junge Anhängerschaft besitzt, die sich im Netz auskennt. Vor allem ist King aber vielmehr Spieler denn Revolutionär. Auch in "The Plant" inszeniert er sein Vexierspiel von Realität und Fiktion. So kündigt Kings Autor-Protagonist schon im ersten Kapitel eine Fortsetzung von "Wahre Geschichten dämonischer Plagen" an. Arbeitstitel: "The Plant". Die Schlange beißt sich in den Schwanz. Und das Spiel beginnt von Neuem.

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