Zeitung Heute : Theater auf Terrassen

Berliner Studenten helfen mit, einzigartige Kulturlandschaften in Peru zu erhalten

Patricia Pätzold

Wehmütig lässt José Sanchez Callejo seinen Blick über das Tal schweifen. Ein bunter Wollponcho schützt den peruanischen Bauern vor der Morgenkühle in mehr als 3000 Meter Höhe. An den steilen Bergwänden ziehen sich Terrassenfelder, soweit das Auge reicht. Nur mit dieser über die Jahrhunderte entwickelten und verfeinerten Bauweise der Felder war der Natur in dieser Andenregion eine Ernte abzuringen. Sie sicherte unzähligen Generationen das Überleben in der unwirtlichen Gegend.

Jahrhunderte lang haben Josés Ahnen diese ausgedehnten Terrassen angelegt, bewirtschaftet und gepflegt. Seit er denken kann, waren sie Grundlage des bäuerlichen Lebens in dem kleinen Andendorf Laraos, ungefähr 300 Kilometer südöstlich von Perus Hauptstadt Lima gelegen.

Doch sein Sohn Pablo und die Schwiegertochter sind mit den Kindern in die große Stadt gezogen, denn die Arbeit auf den Feldern war zu hart und brachte nicht viel ein. Lagerung und Transport des Ernteguts seien zu teuer, haben sie gesagt. Pablos Freunde haben es nicht anders gemacht. Von einstmals 1600 Einwohnern in Laraos sind in den vergangenen 20 Jahren mehr als die Hälfte fortgegangen.

Nun droht dieser einzigartigen Terrassenlandschaft der Verfall, durch die Bodenerosion und den Wegzug der jungen Leute. Doch vor einiger Zeit kamen Studenten aus Deutschland in diese abgeschiedene Gegend. Sie interessierten sich für die Bewohner und für die Terrassen, sprachen mit ihnen, feierten mit ihnen, spielten Theater und arbeiteten mit ihnen auf den Feldern. Von diesen Tagen an war alles anders.

Die Studenten schrieben Berichte und Konzepte. Plötzlich interessierten sich auch hohe Herren aus dem fernen New York für die Landschaft rund um Josés Heimatort. In diesem Sommer wurden die Terrassenlandschaften von Laraos in die „World Monuments Watch List“ aufgenommen, die Liste der 100 am meisten bedrohten Stätten des Weltkulturerbes. Nun stehen sie neben so bekannten Kulturstätten wie der Inkastadt Macchu Picchu, den Buddhastatuen von Bamiyan in Afghanistan und der berühmten alten Islamhochschule Miri-Arab-Medrese von Buchara an der Seidenstraße.

„Vor fast drei Jahren haben wir Laraos zum ersten Mal besucht“, erinnert sich Thomas Nehls, Wissenschaftler aus dem Institut für Umweltplanung der TU Berlin. Auf zwei Semester war das Studienprojekt unter Leitung von Professor Heiko Diestel zunächst angelegt. Die Studenten beschäftigten sich mit diesem bedrohten Kleinod in den Anden und den historischen Terrassenanlagen, deren Alter auf mehr als 2000 Jahre geschätzt wird. „Das besondere dieses Projekts war vor allem seine Interdisziplinarität“, sagt Nehls. „Daran nahmen Studenten des technischen Umweltschutzes, der Theaterwissenschaft, der Altamerikanistik, der Ethnologie, Geologie und der Lateinamerikastudien teil.“

Im Sommer 2006 besuchten die jungen Leute erneut das Dorf Laraos. Daran erinnert sich Marco Otto, der an der TU Berlin Landschaftsplanung studiert. Zusammen mit Thomas Nehls und der angehenden Theaterwissenschaftlerin Sabrina Apitz von der Freien Universität plante er den Ausbau des Projekts, um ein Schutzkonzept für die bedrohte Andenería zu entwickeln.

Unterstützt wurden sie von Studenten der Universidad Nacional Agraria in Lima. „Uns war klar, dass wir ohne die Mitarbeit der Bevölkerung keinen Erfolg haben würden, denn der Schutz kann nur durch eine langfristige Nutzung der Terrassen sichergestellt werden“, berichtet Otto.

Die Schlüsselfrage lautete also: Wie erreicht eine bunt zusammen gewürfelte Truppe aus 15 deutschen und fünf peruanischen Studenten die Bevölkerung eines Andendorfes? Die Antwort lautete: durch viel Tamtam, Theater und Kinder! „Ein Theaterwissenschaftler aus Lima spielte El Matachin, einen Hanswurst der Andenfolklore“, erzählt Thomas Nehls. „Das öffnete die Herzen der Leute. In Theaterworkshops, einer Malwerkstatt und einem Tanzkurs erhielten die Terrassen, ihre Nutzung und ihre Bedrohung wieder neue Aktualität für die Jugendlichen und auch für die Erwachsenen. Mit Geschichten, Legenden, Tänzen, Liedern und Bildern kam das Thema wieder auf die Tagesordnung.“

Mithilfe der örtlichen Agrargenossenschaft und des Bürgermeisters entwickelten die Dorfbewohner schließlich gemeinsam mit den Studenten einen Plan. Er umfasste die Umverteilung des Landes, verbesserte Bewässerung und den Anbau alternativer Kulturen. „Was wir zusammen mit den Bauern erarbeitet haben“, erzählt Nehls, „diente als Grundlage für die Aufnahme in die Liste der bedrohten Kulturdenkmäler.“ Als Dozent ist ihm noch ein anderer Punkt wichtig: „Das Laraos-Projekt ist ein besonders schönes Beispiel dafür, welche einzigartigen Lernmöglichkeiten solche Studienprojekte bieten.“

Die persönlichen Kontakte, die dabei entstehen, zahlten sich auch später aus: Als im August dieses Jahres ein schweres Erdbeben Peru erschütterte, war auch Laraos betroffen. Häuser wurden zerstört, die Bewohner schliefen auf der Straße. Die deutschen Studenten starteten eine Spendenaktion, um ihren Freunden in den Bergen Perus zu helfen. Das Geld und die Hilfsgüter überbrachten sie persönlich.

Informationen im Internet:

www.laraos.info

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