Zeitung Heute : Theater um die Wähler

Vor dem Urnengang im Herbst: ein Polit-Jahrmarkt in Moskau

Elke Windisch[Moskau]

Er steht noch auf den Füßen, und sprechen, das geht auch: der russische Wiedergänger von Erich Kästners tragisch-komischem Helden, der nach reichlich Freibier bei der letzten Wahl in der Weimarer Zeit „eine demokratische Sowjetrepublik“ für Deutschland fordert, „mit einem unumschränkten Off’zier an der Spitze“, und dann aus dem Fenster fällt.

„Putin“, antwortet der Messebesucher, wie Kästners „leicht besoffene Herr“ mit Spitzbart, schwarzer Melone und weinrotem Zweireiher auf die Frage einer Radio-Journalistin danach, ob er sich nun, wo er hier ist, ein klareres Bild von den Parteien machen kann. Ob das Experiment einer „Polit-Fachmesse“, wo über 20 der 43 zur Parlamentswahl im Dezember zugelassenen Parteien auf engstem Raum um die Bürger kämpfen sollen, etwas gebracht hat. „Ich bin für Putin“, sagt der Mann. Putin schied immerhin als Oberstleutnant aus dem KGB aus. Dass der im Dezember gar nicht kandidiert, sei ihm „scheißegal“. Aber zur Not, sagt er dann, täte es auch Obernationalist Schirinowski, auch der ist ein Oberstleutnant, wenn auch nur der Reserve.

Die Moskauer stürmen die Manege, den einstigen Reitstall des Hochadels. Außen weißgelb getüncht, innen endlose graue Wände mit zu klein geratenen Fenstern. Hier sollen Russlands Parteien, wie das Staatsfernsehen es formulierte, eine Woche lang „ihre Botschaft ins Volk tragen“.

„Wir imitieren Demokratie, wir imitieren Parlamentarismus, und jetzt imitieren wir eben auch faire Wahlen“, hämte gleich am Freitag zur Eröffnung Sergej Mitrochin, einer der Vizechefs der Reformpartei „Jabloko“, vor einer Fernsehkamera. Die schwenkte alsbald auf Kollege Boris Nemzow von der „Union der rechten Kräfte“, der bei der Suche nach historischen Vorbildern für die Veranstaltung angestrengt nachdachte und dennoch nur auf eines kam: Simbabwe.

Dass der Polit-Jahrmarkt – „Jarmarka“, Russisch für „Messe“ oder „Verkaufsausstellung“, ist eines der vielen deutschen Lehnworte – so viele Wochen vor dem Urnengang stattfindet, hat einen tiefen Sinn: Bei der Eröffnung unterzeichneten 28 Parteien eine Art Wahlkampf-Knigge, einen Nichtangriffspakt. Keine Verleumdungen künftig, kein Einsatz der „administrativen Ressource“ – gemeint ist der Druck der Regierungsparteien kraft ihrer staatlichen Macht. „Absurdes Theater“, findet der Wahlexperte des russischen Dienstes vom US-Auslandssender Radio Liberty, Michail Sokolow: „Es ist so, als ob sich Wölfe an die Spitze der Bewegung für vegetarische Lebensweise stellen würden.“

Der Probelauf in der Manege lässt in der Tat befürchten, dass die hehren Ziele auch diesmal um Längen verfehlt werden. Krach gab es schon um die Aufteilung des Saals. Nicht einmal gegen Rabatt – pro Standplatz waren 30000 Dollar zu zahlen – wollte sich Russlands KP in der hinteren Ecke, direkt neben den Klos, platzieren lassen. Zu ihrem Glück sagte „Jabloko“ vor Messebeginn ihre Teilnahme ab. Nun stehen die Kommunisten auf deren Platz und damit da, wo sie nach eigener und der Meinung von mindestens 23 Prozent der Wähler auch hingehören: links vorn.

Genau gegenüber hat der Erzkonkurrent seinen Stand aufgebaut, die Putin-nahe Partei „Einiges Russland“. In nächster Nähe zu einer Bühne, wo Stars der alten sowjetischen und der neuen russischen Garde täglich Konzerte geben, vor dem Hintergrund der Farben Russlands, die auch die Farben der Einheitspartei sind. Der Zuschauerbereich geht nahtlos in den Stand über, es gibt hier mehr Publikum als anderswo im Saal. Einen Verstoß gegen das Gleichheitsprinzip des Nichtangriffspaktes kann Parteiführer Boris Gryslow dennoch nicht erkennen: Das seien Erfindungen von KP-Chef Gennadij Sjuganow, der an chronischem Verfolgungswahn leide.

Aber dafür hat der das bessere Standpersonal. Schön, strahlend und im besten Model-Alter. Statt T-Shirt und Baseball-Kappe mit Schirm im Nacken frisch gebügelte weiße Bluse. Man spricht englisch, deutsch, sogar japanisch und lässt seine Gesichtszüge auch bei Provokationen nicht entgleisen. Oder bei Heiratsanträgen, von denen Marina Schuklinowa, 25 und Studentin der Politikwissenschaft, schon mehrere ablehnen musste. Darunter auch den einer potenziellen Schwiegermutter.

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