Theatertreffen : Die Reise in der Raumkapsel

Sebastian Blomberg rackert sich in „Zement“, der letzten Regiearbeit von Dimiter Gotscheff , vergeblich für die Revolution ab.

Es war nicht nur Liebe. Bisweilen haderte Dimiter Gotscheff auch mit seinem Lieblingsdichter. Er knurrte dann: „Ich muss zum Grab von Heiner Müller gehen und mit ihm reden – ich bin sauer auf ihn.“ Sebastian Blomberg lächelt. Er kann diesen schwer bulgarisch gefärbten, eigentümlich schroffen Gotscheff-Sound perfekt imitieren. Klar, die Proben waren auch Mühsal. Heiner Müllers „Zement“, diese Geschichte über die Anfänge der russischen Revolution, ist ein zäher Brocken von Stück, wirkt fremd und sperrig in der Gegenwart. „Es wird sein, als würde eine Raumkapsel in München landen“, habe er Gotscheff prophezeit, erzählt Blomberg. Lichtjahre entfernt scheinen Müllers hungerleidende, todesbereite Revoluzzer in ihrem Kampf für den Kommunismus. Wo sind die großen Ideen heute? „Man könnte doch heulen über unsere totale Utopielosigkeit“, sagt Blomberg. Aber vielleicht gerade weil das Stück auf solche verschütteten Sehnsüchte stoße, komme es überraschend gut an. Die Münchner sind geflasht von der Raumkapsel, die schließlich rumpelnd auf der Bühne des Residenztheaters niederkam und die nun zur Eröffnung des Theatertreffens in Berlin zu bestaunen sein wird.

Geburtsfehler des Kommunismus

Sebastian Blomberg spielt Gleb Tschumalow, einen Bürgerkriegsheimkehrer, „der mehr Humanist als Kommunist ist“. Der leidet unter der Entfremdung von seiner Frau Dascha (Bibiana Beglau), die sich ganz dem Aufbaufuror verschrieben und das gemeinsame Kind ins Heim gegeben hat. Gleb hat mehr irdische als ideologische Bedürfnisse, er will mit seiner Frau schlafen, eine Familie haben, das Zementwerk am Ort wieder aufbauen. Berührend findet Blomberg, wie das Private hier ins Politische gewittert, „weil es die Fehler sichtbar macht, mit denen man schon in den ersten Atemzügen der Revolution zu kämpfen hatte“.

Es gibt bei Gotscheff, den seine Vertrauten Mitko nannten, keine Kommunismus-Folklore. „Zement“ spielt in einem abstrakten grauen Raum, gefüllt nur mit der Kraft der Schauspieler. Einmal, erzählt Bomberg, sei der Regisseur mit einem Bild von Goyas „Koloss“ zu ihm gekommen: „Sebastian, kannst du das schaffen? Ich will, dass du wie ein Koloss bist.“ Okay, Mitko, entgegnete der Schauspieler, gib mir zwei Wochen Zeit. Das Anliegen, sagt er, habe er sofort verstanden, Goyas Werke schlössen ja einen ganzen Kosmos auf. „Und ich schätze solche Fantasiebeschleuniger in der Arbeit mit Regisseuren.“

„Zement“ ist die letzte Inszenierung des im Herbst 2013 verstorbenen Dimiter Gotscheff. Blomberg hat in Berlin oft bei ihm gespielt,am Deutschen Theater in tollen Arbeiten wie „Geschichten aus dem Wiener Wald“ oder „Volpone“, an der Volksbühne in der seltsamen Godard-Session „Die Chinesin“. Die intellektuelle Verspieltheit des Franzosen sei ganz klar nicht Mitkos Sache gewesen, amüsiert sich Blomberg, „er war einfach ein anderer Archetyp“. Schwer auf eine simple Formel zu bringen, was er an ihm geschätzt hat. In den 90ern, umschreibt der Schauspieler, habe er den Film „Vacas“ von Julio Medem gesehen. Eine Familiensaga im Baskenland, vollständig aus der Sicht von Kühen erzählt. „Mitko“, sagt Blomberg, „war wie eine dieser Kühe.“ Einer, der wie mit vier Beinen auf der Erde verwurzelt stand und durch riesige Augen auf das Geschehen blickte, „ein Anteil nehmender, wissender Beobachter“.

Späte Heimkehr

Blomberg, der erst einmal beim Theatertreffen aufgetreten ist, findet es extrem beglückend, die letzte Gotscheff-Arbeit in Berlin zeigen zu können. Zumal Mitko eine ganze Weile versucht habe, „Zement“ an einer Berliner Bühne zu platzieren, vergeblich. Nur Zurückhaltung oder Ablehnung. Jetzt sei es „wie eine späte Heimkehr“.

Sein Münchner Exil als dauerhaftes Ensemblemitglied am Residenztheater hat Blomberg, der eine Wohnung in Berlin hat, wieder aufgekündigt. Er ist jetzt nur noch Gast dort. An Arbeit mangelt es ihm aber nicht. Zur Zeit plant er als Autor und Regisseur einen Film; das Projekt wird in den kommenden zwei Jahren einen nicht geringen Teil seiner Zeit beanspruchen.

Als Schauspieler war Blomberg auf der Leinwand zuletzt in dem großartigen Film „Zeit der Kannibalen" zu erleben, der im Februar auf der Berlinale lief. Er und Devid Striesow spielen darin zwei grundzynische Consultants, die im Bademantel in Luxushotelzimmern in Nigeria oder Indien monopolymäßig Millionenbeträge verschieben und die einheimischen Bediensteten behandeln wie Kolonialherren. Globalisierungsgewinnler, die restlos selbstentfremdet um die Welt jetten. Blomberg hat am Flughafen tatsächlich mal so einen professionell deformierten Businessmenschen erlebt. Der wurde von einer Frau am Gate gefragt, ob er gerade aus Paris komme – „und wusste keine Antwort, der musste wirklich nachdenken, irre“.

„Zeit der Kannibalen“ stößt auf andere Art als „Zement“ auf die Frage, warum heute kein Aufstand gegen die Verhältnisse angezettelt wird. Die Antwort liege allerdings auf der Hand, findet Sebastian Blomberg. „Weil es wahnsinnig schwer ist, eine Revolution anzuzetteln, wenn die Entscheidungen von den Typen in Bademänteln im Hotelzimmer getroffen werden.“

Haus der Berliner Festspiele: 2.5., 19.30 Uhr und 3.5., 18 Uhr

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