THEATERTREFFENChristoph Marthalers „Platz Mangel“ : Höhen- und Tiefenklinik

Sandra Luzina

Was wäre das Berliner Theatertreffen ohne einen Marthaler-Abend? Der Schweizer Regisseur zeigt zum Ausklang des Festivals „Platz Mangel“, eine Produktion der Roten Fabrik Zürich, und natürlich sind auch diesmal wieder die fabelhaften Protagonisten der Marthaler-Familie versammelt. Bettina Stucky, Jürg Kienberger, Ueli Jäggi und der kolossale Josef Ostendorf sind diesmal geschniegelt und in Pelz und Retro-Chic gehüllt – eine wohlhabende, dabei recht moribunde Gesellschaft.

Per Seilbahn entschweben die erholungs- oder überholungsbedürftigen Herrschaften in Dr. Dr. Bläsles Höhen- und Tiefenklinik – ein schwyzerisches Sanatorium, aus dem es kein Entrinnen gibt. Denn hier wird nicht nur Fett abgesaugt oder eine Atemreduktionstherapie verabreicht. Hier wird den Kurgästen nicht nur geraten: „Halten Sie ihre Organe elastisch!“ Blutrot leuchten die Kabinen der Anstalt, in Marthalers Zauberberg sind Krankheit und Tod allgegenwärtig. Die zwei Stunden in der Höllenklinik werden zum reinen Opfergang. Denn Erlösung gibt es nicht von den irdischen Gebrechen. Nur die Musik ist Balsam für wunde Seelen. Bei allem tödlichen Ernst besitzt Marthalers Inszenierung eine unverwüstliche Komik. Stoisch absolvieren die Darsteller ihre Therapien inklusive all der irrwitzigen Körper- und Sinnverrenkungen. Und gesungen wird kunstvoller denn je. Die Darsteller stimmen Schuberts „Wehmut“ und die Bass-Arie aus Bach „Johannespassion“ an, oder sie versuchen ein Aufbautraining mit „You can win if you want“ von Modern Talking. Marthaler gelingt etwas Wunderbares: eine pessimistische Komödie. Sandra Luzina

Haus der Berliner Festspiele, Fr-So 16.-18.5.,

19.30 Uhr, 12-50 €

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