Zeitung Heute : Thekentanz

Der Tagesspiegel

Der Rote Salon polarisiert. Begleiterin eins findet ihn lauschig loungig, Begleiterin zwei unerträglich bemüht. Tja - wir wollen ja bloß den Schriftsteller Steffen Kopetzky lesen hören. Nun ist es so, dass der Rote Salon entweder brechend voll oder total leer ist, ein dazwischen gibt es offenbar nicht, oder wenn doch, waren wir zumindest genau dann nicht da.

Zur Lesung ist der Salon im Westflügel der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz jedenfalls brechend voll. Wir stellen uns an die Bar, Kopetzky sitzt auf der Bühne und liest aus „Grand Tour“. Sitzplätze? Aussichtslos. Und wie das so ist bei Lesungen, hat sich bereits vor unserem Eintreffen diese ganz spezielle Stehordnung unter den anwesenden Literaturfreunden etabliert, die Neuankömmlinge, selbst wenn sie besten Willens sind, nur stören können. Was soll man machen, wenn einem von der Seite zugezischt wird: „Entschuldige bitte, aber du steht jetzt echt zu nah bei mir, ich fühle mich da nicht so wohl, also bitte!“ Man kann sich ja nicht entmaterialisieren. Also noch ein Stück näher nach links schieben, an den Mann, der, oh, den kennen wir! Das ist doch der, der seit Jahren in der „Lindenstraße“ den Homosexuellen gibt. Mein Gott.

Meinen Begleiterinnen und mir, alle standesgemäßauf hohen Hacken, tun nach einer weiteren Viertelstunde dramatisch die Rücken weh. Begleiterin eins schiebt das auf die Stöckelschuhe, Begleiterin zwei auf den Roten Salon. Immer wieder gibt es Applaus, aber den hören wir irgendwann nur noch von draußen, weil wir auf der Treppe im Flur sitzen. Wir hören alles, können aber leider den Schriftsteller nicht sehen. Fast schon gemütlich, stellen wir fest, und als alles vorbei ist, es kräftigen Applaus und viele wohlwollende Stimmen gibt, kommt Kopetzky zu uns. Und er fragt, ob wir noch mitkommen in die Kantine, in die ganz sicher nicht jeder reinkommt.

Also tragen wir unsere Absätze literaturgroupiemäßig durch die Gänge und die Volksbühne also solche. Begleiterin eins, angehende international bekannte Regisseurin, wird’s ganz warm ums Herz. „Schlingensief“, raunt sie voller Ehrfurcht. Begleiterin zwei und ich lachen trocken. Aber: In der Volksbühnenkantine sitzt tatsächlich Christoph Schlingensief und trinkt Bier. So normal wie toll wie interessant. Begleiterin eins lässt die Chance ihren Lebens (Schlingensief ansprechen, ein Bein stellen, küssen) ungenutzt verstreichen. War trotzdem ein netter Abend. Esther Kogelboom

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar