Zeitung Heute : Theodore F.

Gebratene Blutwurst mit Mango-Chutney

Bernd Matthies

Restaurant Guido Kachel im Landhotel Theodore F., Dorfstr. 31, Gröben (bei Ludwigsfelde), täglich ab 12 Uhr, Telefon: 03378/86180. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Alle suchen die brandenburgische Regionalküche, keiner findet sie. Das liegt natürlich vor allem daran, dass sie nie existiert hat und deshalb erst einmal erfunden werden müsste. Daran hapert es, wenn man einzelne Lichtgestalten wie Carmen Krüger aus Eichwalde einmal ausnimmt, die auf guten Grundprodukten der Gegend eine zwar fiktive, aber dennoch bodenverbundene Regional-Kulinarik aufgebaut hat. Doch meistens bleibt es bei dem überall im Land zu besichtigenden Missverständnis, die Nutzung von Teltower Rübchen, Beelitzer Spargel und Spreewaldgurken in Verbindung mit einschlägigen Fundstellen aus dem Werk Fontanes allein bedeute schon, dass das Ziel erreicht sei. Auch der mit viel PR-Aufwand hochgeziegelte „Brandenburger Teller“ hat letztlich nur gezeigt, dass Pseudo-Regionalküche ohne handwerkliches Können nichts bringt – dann bleiben nämlich die Berliner lieber in Berlin, und die Brandenburger gehen trotzdem zum Griechen.

Wenn aber einer gut kocht draußen auf dem Lande, dann findet er normalerweise auch seine Gäste. So einer könnte Guido Kachel sein, ein gut ausgebilderter Koch mit Erfahrungen in der Gourmet-Küche, der vor einiger Zeit das bis dahin kulinarisch glücklose Restaurant im hübschen Landhotel „Theodore F.“ in Gröben übernommen und auf modernen Kurs getrimmt hat. Er verwendet zwar die Produkte der Gegend, sofern es sie gibt, verlässt sich aber nicht wie sein Vorgänger auf die Fontane-Schiene. Und das ist klug, denn seine Gäste kommen ja auch nicht mit der Pferdekutsche.

Dennoch setzt er irritierende Signale. Vor der Tür steht eine Kreidetafel, die Haxe mit Bratkartoffeln für zehn Euro verspricht. Das setzt unweigerlich Fluchtreflexe frei, nicht, weil das etwas grundsätzlich Schlechtes wäre, sondern weil sich in Brandenburg normalerweise nur Stümper mit derlei Brachialgerichten brüsten. Egal, Kachel ist keiner. Man mag im Lichte der eingangs erwähnten Gedanken darüber streiten, ob Jakobsmuscheln und Riesengarnelen in Verbindung mit Avocado und Ofentomaten an diesem Ort zwingend oder doch wenigstens passend sind – doch was genau wäre im späten Winter die örtliche Alternative? Dies hier war eine leichte, angenehme Vorspeise, akzentuiert durch eine kräftige Chili-Dosis an den Muscheln. Zur würzigen, kurz gebratenen Blutwurst gab es ein gut gemachtes, individuelles Mango-Chutney, eine reizvolle Verbindung, die auch Blutwurst-Verächtern einleuchten müsste.

Nächste Überraschung: Steinbutt. Keine Fitzelchen vom Baby-Steinbutt, sondern ein handfestes Stück Filet aus dem großen Fisch. Und das wird hier nicht einfach in die Pfanne geworfen, sondern zusammen mit einer Zitronengrassauce hübsch auf den Punkt geschmort, jenen Punkt, an dem Aroma und Konsistenz die richtige Verbindung eingehen. Der Fenchel passte gut, hätte mir aber sanft angebraten, womöglich leicht karamellisiert besser gefallen als einfach nur gekocht, aber das ist subjektiv. Rührend: Ein Reis-/Wildreis-Tuff, der an alte neue Küchenzeiten erinnerte. Die Scheiben vom Hirschkalbsrücken gelangen ebenfalls herrlich zart und saftig, und sie standen mit Rosenkohlblättern, Preiselbeeren und angebratenen Kartoffeln in angemessener Harmonie. (Hauptgerichte um 17 Euro, drei Gänge 29 Euro).

Selbst die Desserts gefielen uns gut. Die Crème brûlée zeigte zwar keinen individuellen Charakter, wurde aber durch Blutorangeneis und Datteln hübsch begleitet, und das weiße Mokkaparfait, deutlich hausgemacht, kam mit eingelegten Kumquats. Wer noch durchschnittlich 25 Euro für eine Flasche Wein drauflegt, macht nichts verkehrt, wenn auch der bisweilen linkische Service keinen Blick für falsche Jahrgänge hat und erkennbar noch übt – aber irgendwo müssen die jungen Leute ja anfangen, und dies ist kein Grandhotel.

Fassen wir zusammen: Dies ist praktisch das erste brandenburgische Restaurant seit Jahren, das einen deutlichen Aufwärtstrend zeigt, und überhaupt das einzige gute Restaurant zwischen Potsdam, Eichwalde und Luckenwalde. Es wird in der Spargelsaison wie eine Oase dastehen, aber auch vorher und nachher lohnt ein Besuch jederzeit. Vermutlich sogar für Haxe und Bratkartoffeln.

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