Therapie für Pädophile : Angst vor sich selbst

Wenn ihm Kinder entgegenkamen, wechselte er die Straßenseite. Werner wusste, dass er pädophil ist, und fürchtete, zum Täter zu werden. Er suchte Hilfe - und fand sie in Berlin.

Christiane Bertelsmann

Das erste Kind, das ihn sexuell erregte, war das Nachbarsmädchen. Wenn er es unten im Hof an der Teppichstange turnen sah, dann konnte er seinen Blick nicht von ihm wenden. Der hochgeschlagene karierte Rock, der Unterleib der Kleinen, das alles faszinierte ihn auf eine Weise, die ihm selbst unheimlich war. Heimlich schlich er sich auf den Trockenspeicher, dort hing ihre Wäsche. Er versteckte sich, um sich in der Nähe ihrer Schlüpfer und Hemdchen zu befriedigen. Damals war Werner (Name geändert) zwölf oder 13 Jahre alt. „Ich wusste ja, dass man das nicht macht. Aber ich konnte nicht anders.“

Werner ist heute Mitte 50, ein unauffälliger Mann mit leichtem Bauchansatz und wasserblauen, freundlichen Augen. Er gehört zu den 30 Männern, die inzwischen an der Berliner Charité eine Therapie abgeschlossen haben. Er hat als Proband beim Präventionsprojekt „Kein Täter werden“ mitgemacht, dort stehen die potenziellen Täter im Fokus von Therapie und Forschung.

Laut Polizeistatistik werden pro Jahr etwa 20 000 Kinder Opfer sexueller Übergriffe. Weil nur die Fälle in die Statistik kommen, die angezeigt werden, liegt die Dunkelziffer wesentlich höher - etwa bei 60 000. Mit dem Projekt soll verhindert werden, dass noch mehr Kinder Opfer von Missbrauch werden – das Dunkelfeld erhellen, so nennen die Therapeuten und Wissenschaftler das, was sie seit 2005 am Institut für Sexualwissenschaft und Sozialmedizin machen.

Werner ist zwei Jahre lang jede Woche mit dem Zug von seinem Heimatort nach Berlin gefahren. Vier Stunden hin, vier Stunden zurück, dazwischen drei Stunden Therapie. Weil er keine Arbeit hatte und alleine lebte, fiel das zu Hause niemandem auf. „Ich wollte lernen, mit meiner Neigung verantwortungsbewusst umzugehen.“ Du bist nicht schuld an deinen sexuellen Wünschen, aber verantwortlich für dein sexuelles Verhalten – das ist der Leitsatz der Therapie. Ein Mensch mit pädophiler Ausrichtung lässt sich ebenso wenig umpolen wie jemand, der homosexuell orientiert ist, sagt Janina Neutze, „die sexuelle Präferenz wird mit dem Abschluss der Pubertät festgelegt“.

Janina Neutze arbeitet als Psychologin am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Charité, sie betreut Therapiegruppen im Rahmen des Projektes. Spielt der Wunsch nach Dominanz eine Rolle? Nein, sagt sie, ein rein psychologisches Erklärungsmodell für Pädophilie gibt es nicht. Vielmehr müssen vor allem biologische, aber auch soziale Faktoren berücksichtigt werden.

Seit er 15 ist, weiß Werner, dass er pädophil ist. Damals ging der Fall Jürgen Bartsch durch die Zeitungen. Bartsch hatte Mitte der 60er Jahre vier Jungen sexuell missbraucht, gequält und getötet. In einem Zeitungsbericht über Bartsch las Werner zum ersten Mal das Wort pädophil. Bartsch habe sich sexuell für Kinder interessiert. Wie ich, dachte Werner. Das ist bei mir doch auch so. Wenn der pädophil ist, bin ich das doch auch. Und sofort kam die Angst. Angst, so zu werden wie Bartsch. „Ich war ein Monster. Ich war der schwarze Mann, vor dem ich als Kind immer gewarnt worden bin. Mit dem ich unter keinen Umständen mitgehen durfte. Diese Erkenntnisse über mich hauten mich erst mal um. Ich war zutiefst verzweifelt.“

Die Angst vor der eigenen Tat. „Viele Probanden leiden darunter“, sagt Janina Neutze. Dabei haben die wenigsten Probanden tatsächlich Gewaltfantasien. Auch Werner nicht. In seinem Kopfkino sehnt er sich danach, ein Mädchen zu umsorgen, es zu baden, warmen Kakao zu kochen, Ansprechpartner und Vertrauter zu sein. Aber auch das: Er stellt sich vor, das Kind am ganzen Körper zu streicheln und intim zu küssen. Ihm nahe zu sein. Werner weiß inzwischen, dass kein Kind so eine Beziehung haben will. Er wusste es auch schon damals. Deshalb hat er es nie versucht.

Während seiner Therapie hat Werner so eine Fantasie mal aufgeschrieben. Das war die Hausaufgabe für alle Patienten. Er steckte den Text in seine Aktentasche und stieg in den Zug nach Berlin. Werner kam es vor, als ob er ein Geständnis bei sich trage. Und fürchtete sich vor Entdeckungen. „Wenn mir was passiert wäre, und die hätten in meinen Taschen gewühlt und das dann gelesen.“

Die Scham gepaart mit der Furcht, entdeckt zu werden, zieht sich durch Werners Leben. Er lernt, sich zu verstecken, seine Begierde zu unterdrücken. Mit 15 kommt er in ein Heim. Seine Mutter hat die Familie früh verlassen, sein Vater ist mit der Erziehung überfordert. Im Heim wird der Junge als Hilfserzieher eingesetzt. Er muss Duschaufsicht führen. „Da sah man nackte Kinderkörper, auch Jungs. Ich war total irritiert, dass ich darauf sexuell reagiere. Um Gottes willen, jetzt bist du auch noch schwul.“

Werner drückt sich in eine Ecke, bis die Erektion nachlässt. Und fühlt sich fürchterlich. „Ich hatte immer das Bild von Jürgen Bartsch vor Augen. Du bist also auch so eine Bestie, sagte ich mir.“

Im Heim bei den Kindern ist Werner beliebt. Das fällt auch seinem Vormund auf. Er schlägt Werner vor, Sozialpädagogik zu studieren und mit Kindern zu arbeiten. „In mir sträubte sich alles dagegen. Ich hatte eine irre Angst davor, einen Missbrauch begehen zu können.“ Werner verweigert sich dem Studium, bricht es ab.

Er schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, arbeitet auf dem Bau, sitzt alleine hoch oben in seinem Kranführerhaus. Später wechselt er zur Schifffahrt. Dann landet er bei Zeitarbeitsfirmen. Immer auf der Flucht, weg von Kindern, von der Versuchung. „Wenn mir auf der Straße Kinder entgegenkamen, bin ich auf die andere Straßenseite.“ Die Bahn lässt er fahren, wenn sie voller Schulkinder ist. Er springt von einer fahrenden Rolltreppe, wenn vor ihm ein „tolles Mädchen“ steht.

„Tolle Mädchen“, das weiß Werner seit seiner Therapie, sind für ihn zwischen acht und zwölf Jahre alt. Er mag es, wenn sie einfach gekleidet sind und ein wenig schüchtern wirken, wenn sie schlank und hochaufgeschossen sind. Haar- und Augenfarbe spielen für ihn keine Rolle. Er ist auf ein präpubertäres Körperschema festgelegt. Nur das erregt ihn und bestimmt seine sexuellen Fantasien. „Ein wichtiges Kriterium für Pädophilie“, sagt Psychologin Neutze. Ein reifer postpubertärer Körper lasse einen Pädophilen kalt.

Obwohl Werner, wie er sagt, sein Leben lang „sauber“ geblieben ist und nie ein Mädchen berührt hat, bleibt die Angst. Sie geht bei ihm so weit, dass er regelrecht in Panik gerät, wenn Polizisten mit Streifenwagen vorfahren. Besonders bei der Arbeit. „Alle Kollegen hätten erfahren, was mit mir los gewesen wäre.“

Mit dem Wissen um seine sexuelle Neigung bleibt er 40 Jahre lang allein. Einmal, als junger Mann, mit Mitte 20, vertraut er sich einem Bekannten an. „Mein Geheimnis war mir zu groß geworden.“ Fast panisch bricht er danach den Kontakt ab. Nur seiner Mutter gegenüber könne er sich offenbaren, glaubt er. Doch die führt weit weg ein anderes Leben. Inzwischen ist sie gestorben.

Auch seine Lebensgefährtin erfährt sehr spät von Werners Geheimnis, seiner Scharade, wie er sagt. Er lernt sie kennen, als sie zwölf ist. Er ist acht Jahre älter. 15 Jahre später kommen sie zusammen. Das Bild von ihr als Zwölfjährige hat er sich bewahrt. So klappt auch eine sexuelle Beziehung zu ihr. Sie hat zwei Söhne, die Werner mit großzieht – ohne Probleme – es sind ja Jungs und passen somit nicht zu Werners Präferenz. Die Beziehung zu seiner Freundin hält 20 Jahre. Bis er ihr sagt, dass er pädophil ist. Die Freundin reagiert zunächst verständnisvoll. Doch ihre Liebe bekommt einen Riss, der nicht mehr zu kitten ist. Sie trennt sich von ihm.

Der Hausarzt ist der Erste und Einzige, der Werner zuhört und ihn ernst nimmt, als der ihm von seiner Pädophilie erzählt. Er schickt ihn zu einem Psychiater. Der sagt ihm ins Gesicht: „Mit so was wie Ihnen kann ich nicht umgehen.“ Mitten im Wartezimmer, vor allen Leuten, gibt ihm die Sprechstundenhilfe die Adresse von Bewährungshelfern, die mit Sexualtätern arbeiten. Werner flieht. Raus aus der Praxis. „Ziel Hauptstraße. Da wollte ich mich vor ein Auto werfen.“

Auf dem Weg dorthin beruhigt er sich, geht zurück in die Praxis und fordert die Fragebögen zurück, die er hat ausfüllen müssen. Er begibt sich freiwillig für ein Vierteljahr in die Psychiatrie. Auch dort findet er keine Hilfe. In den Gruppen dürfe er nicht über seine pädophilen Neigungen reden, schärft man ihm ein. Sein Hausarzt ist es schließlich, der ihm von dem Präventionsprojekt der Charité erzählt. Drei Stunden sitzt Werner am Computer, bis er schließlich eine Mail abschickt. Er wird eingeladen zu einem Vorgespräch nach Berlin.

An einem grauen Novembertag kommt er am Hauptbahnhof an. Voller Angst, voller Scham, entdeckt und als Pädophiler gebrandmarkt zu werden. „Ich habe gehofft, dass mich niemand sieht, wenn ich in das Institut gehe. Die Treppe hoch, das war wie ein Spießrutenlauf.“ Im Wartebereich sitzen ist für ihn eine Höllenqual. Dann endlich das Gespräch. „Das war wie eine Erlösung“. Und schon kommt die Angst wieder. Diesmal die Angst, nicht pädophil genug zu sein. „Ich hatte mich ja immer gut im Griff gehabt.“

Er ist pädophil genug. „Die sexuelle Präferenzstruktur, also die Ausrichtung auf ein kindliches Körperschema gepaart mit einem sogenannten Leidenskriterium sind bei der Diagnose Pädophilie ausschlaggebend“, sagt Psychologin Neutze. Wer also selbst unter seiner Neigung leidet oder bei anderen Leid verursacht – etwa durch einen Missbrauch – kommt in die engere Auswahl für eine Therapie.

Der Leidensfaktor ist bei Werner gegeben. Ein Jahr später beginnt er seine Therapie. Er überzeugt sogar seine Krankenkasse davon, dass sie ihm die Fahrtkosten nach Berlin erstattet. In der Therapiegruppe spricht er zum ersten Mal im Leben über seine Sexualität. Vorher hat er telefonbuchdicke Fragebögen ausfüllen müssen. Sie sind Teil des Forschungsprojektes. Immer geht es in der Psychotherapie um das, was ihn schon seit Jahren quält und umtreibt: seine Sexualität.

Er lernt viel durch die Verhaltenstherapie. Opferempathie zum Beispiel. Eine Zeit lang hat Werner Kinderpornos geguckt. „Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, dass so was nur gedreht werden kann, wenn Kinder dafür missbraucht werden.“ Weil die Kinder oft gelächelt haben, dachte er, es würde ihnen Spaß machen. „Ich habe mir das so zurechtgelegt, dass die Pornos für mich ein Ventil sind: Besser Pornos schauen als einen echten Missbrauch begehen.“ Das hat er erst durch die Therapie begriffen. „Ich habe vieles nicht hinterfragt. Sonst wäre ich gar nicht mit mir fertig geworden.“

Seit einem Jahr hat Werner seine Behandlung in Berlin abgeschlossen. Er ist zu Hause immer noch in Therapie. Alle zwei Wochen, eine halbe Stunde. Den gesamten Behandlungszeitraum über hat er Psychopharmaka genommen, die auch den Sexualtrieb hemmen. „Wir bieten allen Probanden an, begleitend Medikamente zu nehmen, die die sexuellen Impulse dämpfen und bekommen überwiegend positive Rückmeldungen von den Teilnehmern“, sagt Janina Neutze. Für Werner ist das auch in Ordnung: „Ich habe 40 Jahre kein Kind angefasst und das soll die nächsten 30 Jahre so bleiben.“

Inzwischen muss er nicht mehr die Straßenseite wechseln, wenn er ein Kind sieht. Neulich, als ein kleines Mädchen vor seiner Haustüre stand, da hat er kurz mit dem Kind geredet. Dass sie auf ihre Spielkameraden warte, habe die Kleine ihm erzählt. „Normale Sachen, wie jeder Erwachsene mit Kindern redet. Früher wäre ich beim Anblick des Mädchens sofort wieder in die Wohnung geflüchtet.“ Und letzte Woche hat er mit den Nachbarskindern geschimpft, weil sie Zweige von der Hecke abgerissen haben. Für Werner ein Riesenfortschritt.

Der Gedanke, dass seine Stiefsöhne vielleicht mal Töchter haben könnten, macht ihm keine Angst mehr. „Ich weiß inzwischen, wie ich mit der Nähe zu Mädchen umgehen muss.“

Baden würde er sie nicht.

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