Zeitung Heute : Therapie für Traumatisierte

Hochschulambulanz bietet psychologische Hilfe für 14- bis 21-jährige Jugendliche und junge Erwachsene.

Torsten Schaletzke
Was bisher fehlte: Traumatisierte Jugendliche brauchen eine andere Therapie als Kinder und Erwachsene. Foto: Fotolia/mitarart
Was bisher fehlte: Traumatisierte Jugendliche brauchen eine andere Therapie als Kinder und Erwachsene. Foto: Fotolia/mitarartFoto: Mitarart Fotolia

Wer als Kind missbraucht wurde oder Gewalt erfahren hat, trägt daran oft ein Leben lang schwer. Ihre beängstigenden Erfahrungen prägen die Opfer bis weit in das Erwachsenalter. Neben Scham- und Schuldgefühlen leiden sie häufig an der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), einer psychischen Erkrankung, die zu zahlreichen Einschränkungen im Leben führt. Ängste, ungewollt wiederkehrende Erinnerungen, eine erhöhte Reizbarkeit und Schlafstörungen sind typische Symptome. „Manchmal werden Dinge vermieden, die an das belastende Ereignis erinnern“, erklärt die promovierte Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin Maja Trenner. „Das alles kann zu einer sehr starken Beeinträchtigung im Alltag führen. Hier kann eine frühzeitige Behandlung die Langzeitfolgen verhindern.“

Maja Trenner koordiniert eine Therapiestudie an der Hochschulambulanz für Psychotherapie, Diagnostik und Gesundheitsförderung der Freien Universität Berlin. Die Einrichtung unter Leitung von Psychologieprofessorin Babette Renneberg ist eines von drei deutschen Zentren, die die Wirksamkeit einer neuen Behandlungsmöglichkeit untersuchen. Denn bislang gab es zwar Therapien für Kinder und Erwachsene mit einer Traumatisierung, aber keine passende Behandlungsform für traumatisierte Jugendliche. Um diese Versorgungslücke zu schließen, haben die Forscher vorhandene sehr wirksame Traumatherapien so verändert, dass sie für diese Altersgruppe passen. „Die jungen Menschen sollen nach der erlittenen körperlichen oder sexuellen Gewalterfahrung ihre Sicherheit zurückgewinnen und den Umgang mit ihrem Trauma und den daraus resultierenden Folgen lernen“, erläutert Psychologin Trenner das Behandlungsziel der neuen Therapie, der sogenannten entwicklungsangepassten traumafokussierten kognitiven Verhaltenstherapie, kurz E-KVT.

Erste Voruntersuchungen zeigen sehr gute Ergebnisse, andere Störungen wie Depressionen nehmen der Studie zufolge im Verlauf der Therapie ebenfalls deutlich ab.

Betroffenen 14- bis 21-Jährigen bietet die Hochschulambulanz der Freien Universität psychologische Hilfe, wenn sie im Rahmen der Studie als Probanden an der Verhaltenstherapie teilnehmen. Eine vergleichsweise kurze vier- bis fünfmonatige Behandlungszeit soll in das Leben der Jugendlichen passen, in dem es naturgemäß viele Veränderungen gibt. Die Behandlung soll intensiv verlaufen, sodass sie schnell wirken und abgeschlossen werden kann.

Nach einer Voruntersuchung gliedert sich das Behandlungsprogramm in mehrere Phasen mit insgesamt 30 bis 36 ambulanten Sitzungen. Sind Patient und Therapeut miteinander vertraut, lernt der Jugendliche in einem sogenannten Emotionsregulationstraining, mit den eigenen Gefühlen und mit Stress umzugehen. Missbrauchs- und Gewaltopfer reagieren auf ihre schmerzhaften Emotionen oft mit einem selbstschädigenden Verhalten. Das kann Hautritzen sein oder sich mit Zigarettenglut verwunden, aber auch Rauchen von Cannabis oder übermäßiger Alkoholkonsum. Über das Trainieren von stressreduzierenden Handlungen – wie Beißen auf eine Chilischote, Riechen von Ammoniak oder Kneten von Massagebällen – lernen die Jugendlichen, aus ihren negativen Gefühlen herauszukommen. „Das ist eine wichtige Voraussetzung für die anschließende bewusste Beschäftigung mit dem Trauma selbst“, sagt Maja Trenner.

Das Trauma gezielt aufzuarbeiten und zu bewältigen, heißt vor allem, sich zu erinnern. Gedanken, die beispielsweise Schuldgefühle erzeugen, werden mithilfe des Therapeuten offengelegt und hinterfragt. Gegen Ende der Therapie geht es darum, wie der jugendliche Patient lernen kann, sich künftig vor ähnlich schädlichen Erfahrungen zu schützen und im täglichen Leben gut zurechtzukommen. Hierzu zählen auch Entwicklungsaufgaben, etwa der Abschluss einer Berufsausbildung. Weil die Therapie Teil einer Studie ist, folgt drei und sechs Monate nach Abschluss der Behandlung eine Nachuntersuchung, die den Erfolg überprüft.

Die Studie an der Berliner Hochschulambulanz ist Teil des deutschlandweiten E-KVT-Forschungsprojekts. Neben der Freien Universität untersuchen die Universitäten in Frankfurt am Main und Eichstätt-Ingolstadt das neue Therapiekonzept und bieten Behandlungsplätze an. Wissenschaftler an weiteren Standorten beschäftigen sich mit anderen Fragen, etwa den genetischen, psychophysiologischen und gesundheitsökonomischen Aspekten posttraumatischer Belastungsstörungen.

Das gesamte E-KVT-Projekt wird bis zum Jahr 2015 vom Bundesforschungsministerium mit knapp 1,4 Millionen Euro gefördert. Bis dahin können sich Jugendliche und junge Menschen an die Hochschulambulanzen wenden. Die Wartezeit auf einen Therapieplatz ist vergleichsweise kurz, die Behandlungskosten übernimmt die Krankenkasse. Torsten Schaletzke

Im Internet

www.traumatherapie-

jugendliche.de

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