Zeitung Heute : Therapie, lebenslänglich

Im Maßregelvollzug wird versucht, Rückfälle von Sexualstraftätern zu verhindern. Hundertprozentig kann das aber nicht gelingen

Adelheid Müller-Lissner

Die Gutachter, die von der Aachener Schwurgerichtskammer bestellt wurden, fanden bei den Angeklagten keine erheblichen psychischen Störungen, die eine verminderte Schuldfähigkeit begründen könnten. Auch die Anwälte machten sie nicht geltend. „Sexuelle Devianz ist nicht automatisch ein Grund für eine niedrigere Bestrafung“, betont Hans-Ludwig Kroeber, Leiter des Instituts für Forensische Psychiatrie der Charité Campus Benjamin Franklin. Prinzipiell könne man den Betroffenen abverlangen, solche sexuellen Interessen zu unterdrücken.

Doch seit Beginn der 90er Jahre haben sich die Fälle verdoppelt, in denen Sexualstraftätern in Gutachten verminderte Schuldfähigkeit attestiert wurde. Nach Paragraf 63 des Strafgesetzbuches gelangen sie in den Maßregelvollzug, der zugleich der Besserung des Rechtsbrechers und der Sicherung der Allgemeinheit dienen soll. In Krankenhäusern des Maßregelvollzugs werden vor allem Sexualstraftäter mit Persönlichkeitsstörungen in Gruppen- und Einzeltherapien behandelt. Ziel ist nicht, wie Laien oft denken, die vollkommene Heilung von abnormen sexuellen Verlangen wie der Pädophilie, die in der Medizinersprache als Paraphilie zusammengefasst werden. Sie sind meist zu fest verankert, um gelöscht werden zu können. Realistischer ist die Vermeidung von Rückfällen. Hierbei können neben Psychotherapien auch Medikamente, vor allem Gegenspieler männlicher Sexualhormone – Anti-Androgene – eine Rolle spielen.

Studien zeigen, dass die modernen Therapien im Maßregelvollzug wirken: Die Rückfallquote bei Sexualstraftätern konnte dadurch von bis zu 40 Prozent im letzten Jahrzehnt auf 20 Prozent gesenkt werden. Auch im Rahmen des normalen Strafvollzugs ist prinzipiell das Therapieren von Sexualstraftätern möglich. Angesichts einer langen Haftstrafe, wie sie im vorliegenden Fall nach Mord verhängt wurde, stellt sich allerdings die Frage nach der Zielsetzung und der Relation zwischen Kosten und Nutzen. Am meisten Erfolg versprechen Interventionen zu Beginn und am Ende der Haftzeit. Wenn nach Ablauf der Mindestverbüßungsdauer ein Antrag auf Entlassung gestellt wird, werden die psychiatrischen Gutachter erneut tätig.

Was die Sexualmorde an Kindern betrifft, so ging ihre Anzahl in den letzten Jahrzehnten zurück: 20 bis 30 Fälle pro Jahr waren es in den 60er Jahren, etwa fünf Fälle sind es heute, sagt Kroeber. Diese Einzelfälle allerdings werden in den Medien verstärkt wahrgenommen.

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