Zeitung Heute : Therapie mit Nebenwirkung

Rainer Woratschka

Kranke mit geringem Einkommen schieben wegen der Praxisgebühr den Besuch beim Arzt auf. Was kostet das die Gesellschaft?

Im Gesundheitsministerium sind sie noch in Feierlaune. „Die Praxisgebühr wirkt“, freut sich die Ministerin – und bekam es dieser Tage sogar von den oft so feindlich gesinnten Kassenärzten bestätigt. Ihnen zufolge sank die Zahl der Arztkontakte nicht nur im ersten Quartal um zehn Prozent. Aktuelle Stichproben zeigten, dass diese Entwicklung auch „von Dauer“ sei. Und das Schönste daran: „In der Basisversorgung sind keine Einschnitte feststellbar.“ Will heißen: Keinem geht es schlechter dadurch.

„Die Praxisgebühr wirkt.“ So lautet auch das Fazit einer Umfrage, die das wissenschaftliche Institut der AOK veröffentlicht hat. Doch das Eintrittsgeld wirkt, und das ist kein Grund zum Feiern, sozial separierend: Wer weniger verdient, den schreckt es weit stärker vom Arztbesuch ab. 19,2 Prozent der Versicherten mit weniger als 1000 Euro Einkommen gaben an, im ersten Quartal wegen der zehn Euro auf einen Arztbesuch verzichtet oder ihn verschoben zu haben. Bei Versicherten mit unter 2000 Euro waren es 13,3 Prozent, bei Gutverdienern mit über 3000 Euro nur noch 8,2 Prozent.

Das Zahlenmaterial sei neu, das Problem aber längst bekannt, sagt der Münchner Medizinsoziologe Andreas Mielck. Aus vielen Daten wisse man, dass Arme kränker sind und auch früher sterben als Gutverdiener. Bei Frauen aus den unteren Einkommensgruppen trete der Tod im Schnitt fünf, bei Männern zehn Jahre früher ein. Und die Praxisgebühr sei „bestimmt kein Weg, dieses Problem zu verringern“. Im Gegenteil: Die Zahlen seien Ausdruck einer „skandalösen“, sich offenbar weiter vergrößernden Schieflage.

Mit Auswirkungen, wie Jürgen Collatz befürchtet. Wer sozial Schwache vom Arztbesuch abhalte, bekomme längerfristig „das teuerste Gesundheitssystem, das man sich vorstellen kann“, warnt der Medizinsoziologe aus Hannover. Volkswirtschaftlich verursachten verschleppte Krankheiten „fürchterliche Folgekosten“, wie das Beispiel USA zeige. Dort träten chronische Leiden und Behinderungen unter sozial Schwachen schon 50 Jahre früher auf als bei Gutverdienern. Die Folgen: Arbeitsausfall und aufwändige Behandlung über Jahrzehnte. Faktoren, für die sich in den Krankenkassen keiner zu interessieren scheine, wie Collatz meint. „Die bügeln betriebswirtschaftlich alles glatt und lassen sich für Überschüsse feiern.“

„Versagen“ attestiert ihnen der Wissenschaftler, da sie sich zu wenig um den sozialen Hintergrund ihrer Mitglieder kümmerten – und fordert mehr Folgeforschung und Qualitätskontrolle. AOK- Chef Hans Jürgen Ahrens nennt die Belastung sozial Schwacher inzwischen rundheraus eine „entscheidende Schwäche“ der Reform. Im Ministerium hingegen lässt man sich von den Zahlen nicht beirren. „Wir sind überzeugt, dass niemand eine wirklich notwendige Behandlung aufschiebt“, sagt eine Sprecherin. Und beteuert, dass die Zuzahlungen „wirklich keinen überfordern“. Schließlich liege die Obergrenze bei zwei Prozent des Bruttoeinkommens, bei Chronikern bei einem Prozent. „Wer ärmer ist, erreicht diese Grenze auch viel schneller.“ Dumm nur, dass 20 Prozent der Bürger – wie die AOK-Studie ergab – diese Regelungen gar nicht kennen.

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