Zeitung Heute : Therapie mit Wirkung

Rainer Woratschka

Die Politik diskutiert darüber, die Abgabe von Heroin auf Rezept für Schwerstabhängige gesetzlich festzulegen. Was spricht dafür?


Zunächst sprechen wissenschaftliche Erkenntnisse für eine mögliche Abgabe von Heroin. Ein vierjähriger Modellversuch in den Städten Bonn, Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover, Karlsruhe, Köln und München mit 1032 Teilnehmern kam zu dem Ergebnis, dass das kontrollierte Verabreichen von Heroin bei bestimmten Schwerstabhängigen deutlich größere Erfolge bringt als die bisher mögliche Behandlung mit dem Ersatzstoff Methadon. „Signifikant“ war den Wissenschaftlern zufolge zweierlei: eine gesundheitliche Verbesserung um mindestens 20 Prozent und ein „deutlicher“ Rückgang des illegalen Konsums von „Straßenheroin“ und Kokain. Bei der körperlichen Verfassung schnitten die Heroin-Probanden um sechs Prozent besser ab als die Methadon-Probanden. Die Beschaffungskriminalität war um 13 Prozent geringer. Außerdem hielten zwei Drittel der Heroin-Probanden bei der Studie durch, beim Methadon waren es nur 39 Prozent.

Die Behandlung mit pharmakologisch reinem Heroin auf Rezept, wie sie die Drogenbeauftragte der Regierung nun fordert, ist allerdings teuer – weniger wegen des Wirkstoffs Diamorphin, sondern wegen des dazugehörigen Betreuungsaufwands. Die Abhängigen müssen dreimal am Tag in die Arztpraxis, sie dürfen ihren „Stoff“ nicht wie das Methadon einfach mit nach Hause nehmen. Hinzu kommt das, was Experten psychosoziale Begleitung nennen. Und die Lagerung und Ausgabe der Droge setzt aufwändige Sicherheitskontrollen voraus.

Für Heroin auf Rezept gibt es dennoch mehrere Gründe. Der erste ist ein ethischer. Drogenabhängige sind schwer kranke Menschen, denen geholfen werden muss. Daran ändert auch das häufig vorgebrachte Argument nichts, es gehe nur um eine relativ kleine Minderheit, die an ihrem Schicksal selbst schuld sei. Der zweite Grund ist gesellschaftlicher Art. Städte wie Frankfurt, Hamburg und sicher auch Berlin (das sich die Kosten der Studienteilnahme gespart hat) sind froh, wenn sie einen Teil der Süchtigen aus den Parks und Rotlichtbezirken weg und hin zu qualifizierten Ärzten und Betreuern bekommen. Dadurch sinkt auch die Gefahr, dass Cannabis-Konsumenten in die harte Drogenszene rutschen. Die Polizei kann sich mehr um andere Kriminelle kümmern. Volkswirtschaftlich ist das alles nicht ohne.

Sinn macht heroingestützte Behandlung allerdings nur, wenn eine Bedingung erfüllt ist: Die Kommunen müssen sich auch in der teuren Folge- und Begleitbehandlung engagieren. Ziel und Ergebnis des Ganzen muss der Entzug sein, nicht die lebenslange Abgabe von Heroin auf Kosten gesetzlich Versicherter.

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