Zeitung Heute : Think local, act global

Internationalisierung der Banken und Finanzmärkte – deutsche Banken können als Global Player noch dazulernen

Arndt Sorge Sigurt Vitols
257790_0_f0ea9697.jpg
Finanzplatz Frankfurt Foto: picture-alliance / dpa

Ohne die Möglichkeit für Banker, Börsianer und Co., weltweit unbegrenzt Geldgeschäfte zu tätigen, wären die Akteure der globalen Wirtschaft weniger handlungsfähig. Andererseits wäre es ohne den unverantwortlichen Umgang mit Risiken und komplexen Finanzpapieren wohl nie zu jenen Schieflagen auf dem Finanzmarkt gekommen, die maßgeblich zur schweren Wirtschaftskrise beigetragen haben, in der wir stecken. Aber auch Regierungen haben das Ihre beigetragen, durch mangelnde Aufsicht und sogar Unterstützung riskanter Kreditgewährung.

Deutsche Banken ahmten in den letzten Jahrzehnten zunehmend angelsächsische Banken nach. Sie bedienten sich neuer Finanzmarktinstrumente, sie zeigten Präsenz auf Auslandsmärkten und versuchten, Renditen von über 20 Prozent auf das Eigenkapital zu erzielen. Großbanken kauften Investmentbanken in London und den USA, um in einem Geschäftsgebiet zunehmender Bedeutung genauso viel Gewinn zu machen wie ihre angelsächsischen Vorbilder.

Die Losung war: Echte Gewinne macht man nicht mehr durch geduldige Kreditvergabe an vertraute Kunden, sondern durch Finanzierung von riskanteren Geschäften, Management von größeren Vermögen und Teilnahme am spekulativen Marktgeschehen. Die meisten inländischen Banken machten auf die eine oder andere Weise bei der Internationalisierung des deutschen Finanzmarkts mit. Der Übergang zu angloamerikanischen Geschäftsmodellen wurde dagegen wesentlich zurückhaltender vollzogen, als nach der veröffentlichten Rhetorik zu vermuten wäre. Interessant ist, dass der für deutsche Banken neu hinzugekommene und risikoträchtigere Geschäftsbereich des Investment Banking eher an ausländischen Bankplätzen angesiedelt wurde. Dort war man näher an Weltbörsen, geeigneten Arbeitskräften, risikofreudiger Unternehmenskultur und günstiger Regulierung. Interessant ist auch, dass die deutschen Banken kein gefundenes Fressen auf dem internationalen Finanzmarkt waren: Die mindere Attraktivität des inländischen Geschäfts – viel Wettbewerb, geringe Gewinnmargen – scheint die Finanzhäuser davor bewahrt zu haben, von ausländischen Banken übernommen zu werden.

Der Wandel der Geschäftsmodelle war je nach Bank durchaus unterschiedlich intensiv und erfolgreich. Die Dresdner Bank begann mit dem Ehrgeiz, angloamerikanischen Banken nachzueifern, kam aber nicht zum Zuge, konnte nicht mit der Deutschen Bank fusionieren, wurde von der Allianz übernommen, aber auch diese Übernahme brachte nichts außer Verlusten für die Allianz, sodass die Dresdner bei der Commerzbank landete.

Am ärgsten erwischte es Geldhäuser, die sich auf riskante Anlagen und Beteiligungen einließen, ohne das Geschäft zu beherrschen. Paradefälle sind die Staatsbank KfW und prominente Landesbanken. Für viele deutsche Banken kann deshalb gelten: Schuster, bleib bei Deinen Leisten.

Wie viel Internationalisierung tut also gut? Die erste Lektion aus der Krise ist, dass international propagierte neue Geschäftsmodelle und Finanzpapiere Modewellen darstellen können, die für manche eine Zeit lang Erfolge versprechen, aber langfristig nicht tragen. Dies liegt dann zum Teil daran, dass sich ein Unternehmen mit dem Wechsel der Geschäftspolitik übernimmt, zu hohe Lernkosten hat oder geeignete Arbeitskräfte und Beziehungen nicht entwickeln kann. Wird ein Unternehmen multinational, kann es zwar dieses Problem mildern, indem es in verschiedenen Ländern auch unterschiedliche Arten von Geschäften ansiedelt. Das gilt jedoch nicht, wenn die internationale Nachhaltigkeit eines Geschäfts an sich fragwürdig ist.

Die zweite Lektion knüpft an der mangelnden Nachhaltigkeit an: Schwere Krisen können nur durch internationale Regeln gemildert oder vermieden werden. Der Rückzug auf vermeintliche Sicherheiten in einer bekannten heimischen Ordnung ist nur begrenzt tauglich. Denn wenn faule Geschäftsmodelle und Finanzanlagen in anderen Teilen der Welt zu Krisen führen, schlagen sie über weltwirtschaftliche Verknüpfungen unweigerlich selbst auf ein Land zurück, das durch eigene Regeln solche Modelle und Anlagen vermeidet.

Hinsichtlich der Regulierung gilt also der Spruch, der Schuster solle bei seinen Leisten bleiben, überhaupt nicht. Denn die heimischen Regeln geben nur eine Scheinsicherheit, die durch abweichende Regeln in anderen Ländern und untaugliche supranationale Regeln weggefegt wird. Genau das haben wir gerade erfahren.

Unser Schuster muss also inmitten der Internationalisierung zwischen zwei Dingen sorgfältig unterscheiden: Die heimischen Geschäftsmodelle sollte er nicht verwerfen, sondern entwickeln – und auch international zu verwerten suchen. Aber gleichzeitig sollte er auf verbindliche supranationale Regeln viel stärker hinwirken als bisher, um die Nachhaltigkeit der eigenen Wirtschaftstätigkeit abzusichern. Arndt Sorge und Sigurt Vitols

Arndt Sorge leitet die Abteilung Internationalisierung und Organisation. Sigurt Vitols ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in dieser Abteilung.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben