Zeitung Heute : Thomas Middelhoff und Marjorie Scardino: Das Dream-Team der neuen Medien-Welt

Madleen S. Dintner

"Was für ein Händedruck", kommentierte Marjorie Scardino, Chefin des britischen Medienhauses Pearson, vergangene Woche in London das feste Zupacken ihres Geschäftspartners Thomas Middelhoff, Chef des deutschen Medienhauses Bertelsmann. Der obligatorische Handschlag für Fotografen, bei dem die blonde Texanerin kameragerecht fast ein wenig in die Knie ging, besiegelte nochmals den gerade bekannt gegebenen Deal. Die Bertelsmann-Tochter CLT-Ufa und Pearson TV legen ihr europäisches TV- und Radiogeschäft zusammen. Die bekanntesten Marken: RTL, Channel 5, M 6. Mit im Boot: die WAZ-Gruppe, langjähriger Bertelsmann-Partner, sowie die Groupe Bruxelles Lambert (GBL), Bertelsmann-Partner bei CLT-Ufa. Ein neues, gigantisches Medien-Powerhaus entsteht, dominiert von Bertelsmann. Es verweist Canal plus in Frankreich, KirchMedia (inklusive Pro 7) in Deutschland und BSkyB in England auf die Plätze.

Marjorie Scardino hat nicht den Glamour ihrer Landsmännin Grace Kelly, in Sachen texanischer Charme kann sie jedoch durchaus mithalten. Auch ist Thomas Middelhoff nicht Cary Grant. Egal, Marjorie und Thomas, dieses neue Dream-Team der Medienszene, scheint sie gefunden zu haben, die europäische Antwort auf das Zusammengehen von Time Warner und AOL. Noch dazu in der für alle Beteiligten adäquaten Version "Der eine hat (Shows, Serien, Soaps, also Inhalte), was der andere braucht" (TV- und Radiostationen, also Abspielmöglichkeiten). Analysten, Börsianer und Aktionäre lieben das. Da wird, zugegeben, nicht gerade Shakespeare und Sloterdijk produziert und gesendet, aber eben gediegene Massenware wie "Baywatch", "Der Preis ist heiß", "Die Millionärsshow". Die Werbewirtschaft liebt das, was wiederum Analysten, Börsianer und Aktionäre lieben. Zumal die Konkurrenz alles andere als schläft: Das spanische Telekommunikationsunternehmen Telefonica SA kauft sich die niederländische TV-Produktionsfirma Endemol, der britische Kabelbetreiber Telewest übernimmt die britische TV-Produktionsfirma Flextech, und die News Corporation des US-Australiers Rupert Murdoch verhandelt mit dem französischen Mischkonzern Vivendi über digitale TV- und Internet-Aktivitäten. Wobei es vorrangig um den derzeit größten digitalen TV-Anbieter Europas, Canal plus, geht, der gut ins Portfolio des Bertelsmann-Pearson-Powerhauses passen würde.

Sie kommt nicht von ungefähr, diese deutsch-anglo-amerikanische Harmonie, die Marjorie und Thomas betonen und zeigen. Man kennt sich aus gemeinsamen (Aufsichtsrats-)Sitzungen, Kongressen und intimeren Round Table-Gesprächen. Und das kürzlich an die Zeitungsleser gebrachte Projekt, die "Financial Times Deutschland" ist schließlich auch eine Fifty-Fifty-Aktion der jeweiligen Unternehmens-Printsparten. Können, Biss, Durchsetzungsvermögen und der Fähigkeit, Menschen zu motivieren sind Attribute, die für beide zutreffen. "Es macht sich bezahlt, im großen Stil zu denken, man sollte dabei nur nicht die Details vergessen", ist ein Satz von Marjorie Scardino. Der Satz könnte von Thomas Middelhoff stammen. Beide arbeiten für und in lokal etablierten, aber international ausgerichteten Unternehmen mit postuliertem Qualitäts- und Traditionsbewusstsein. Beide kommen von den alten Medien und sind auf dem Weg in die neuen. Auch das verbindet. Schon bevor die "Financial Times Deutschland" die Kioske erreichte, wurde über das Zusammengehen im TV-Bereich verhandelt. Die Chemie scheint zu stimmen.

So gut, dass für Middelhoff Europa schon zu klein erscheint und er die Generalrichtung für das neue Powerhaus angibt: Go West. Auf zur Eroberung des nordamerikanischen Marktes. Dort darf derzeit ein ausländisches Unternehmen zwar immer noch nur 25 Prozent eines Sender halten - einer dieser Anachronismen in Zeiten von Globalisierung und Internet - aber das letzthin deutlich gestiegene Interesse an europäischen Fernsehproduktionen ist einfach zu verlockend. Thomas und Marjorie in Amerika: Schaffst du es dort, schaffst du es überall.

Thomas Middelhoff, der von sich sagt, er sei Amerikaner, der durch puren Zufall einen deutschen Pass besitze und der vor nicht allzu langer Zeit soviel übers Internet redete, dass man ihn schon mit Al Gore verwechseln konnte (beim Bertelsmann-Verlag Gruner + Jahr trägt er auch den Spitznamen "Daddelhoff"), zieht es in die neue Welt. Dort soll nahe dem bestehenden Bertelsmann-Tower am New Yorker Times Square bis 2002 ein neuer Wolkenkratzer fertig sein, in dem der zum Imperium gehörige, weltweit größte englischsprachige Verlag, Random House, auf 25 Büroetagen residieren wird.

Die Übernahme von Random House war Middelhoffs erster großer Deal, anno 1998. Bertelsmann hatte fortan den Middelhoff-Touch. 1998, da hatte Marjorie Scardino, ebenfalls noch nicht lange auf dem Pearson-Posten, für gut 3,2 Milliarden Dollar Artfremdes wie das Wachsfigurenkabinett Tussauds und die Bank Frères Lazard abgestoßen und für über fünf Millarden Dollar TV und Print eingekauft. Pearson hatte fortan den Scardino-Touch. Auf weitere Kooperationen kann man gespannt sein.

Eine ganz spezielle Hürde auf dem Weg in die USA hat Thomas übrigens schon genommen. Im letzten Special der US-Zeitschrift "Vanity Fair" über die wirklich wichtigen Medien- und Kommunikationsmacher, dem "New Establishment", ist er als erster Bertelsmann aus Gütersloh dabei. Fotografiert von Annie Leibovitz unter alten Bäumen im Sun Valley, Idahoe. In weißen Hosen, weißen Strümpfen, schwarzen Schuhen und blauem Polohemd. Sitzend zwischen Katharine Graham, der großen alten Dame der "Washington Post", Jeff Bezoz, Chef von Amazon.com, Microsofts Bill Gates und Jeff Katzenberg von DreamWorks SKG, Partner von Stephen Spielberg. Was für ein Ritterschlag!

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