THRILLER„Five Minutes of Heaven“ : Fresse polieren hilft

Julian Hanich

Ein Duell. Auf der einen Seite: Alistair Little (Liam Neeson). Mitte der siebziger Jahre hat er als Mitglied der protestantischen Ulster Volunteer Force einen Katholiken erschossen. Auf der anderen Seite: Joe Griffin (James Nesbitt). Er ist der Bruder des Opfers und war damals Zeuge des kaltblütigen Mordes. In jener Nacht standen sich die beiden für ein paar unendliche Sekunden Auge in Auge gegenüber. 33 Jahre später sollen sie nun in einem Fernsehduell wieder aufeinandertreffen. Ein quotengeiler Sender möchte den Moment der Aussöhnung als Fernsehereignis herausbringen.

Man reibt sich zunächst die Augen. Wie kommt ein deutscher Regisseur wie Oliver Hirschbiegel dazu, einen Film über das Verheilen der terroristischen Wunden in Nordirland zu drehen? Bei genauerem Hinsehen erkennt man jedoch eine gewisse Logik hinter Hirschbiegels Engagement. In seinen Filmen, etwa in „Das Experiment“, aber auch in „Der Untergang“, kommt es immer wieder zu psychologischen Konfrontationen auf engstem Raum.

Das gilt auch für seinen Nordirland-Film „Five Minutes of Heaven“. Hirschbiegel hat sich dafür einen Kniff einfallen lassen. Die Protagonisten bewegen sich räumlich aufeinander zu. Doch ihre Begegnung wird immer wieder aufgeschoben. Hirschbiegel schneidet zwischen den beiden hin und her. Seine Montage verdeutlicht: Hier leben zwei Männer in fremden Welten, auch wenn sich ihre geografischen Räume berühren mögen. Alistair Little plagt die Schuld. Joe Griffin hingegen steht im Bann des unversöhnlichen Hasses. Schon früh lässt uns der Film wissen, dass er einen Dolch im Gewande trägt. James Nesbitt spielt den hypernervösen Griffin mit exzentrischem Tick. Liam Neeson strahlt als sein Gegenüber eine grüblerische Gravität aus, die sehenswert ist.

Bei Hirschbiegel-Filmen hat man oft den Eindruck: Der Regisseur legt Wert auf ordentliches Inszenierungshandwerk – was ideologisch unter dem Strich rauskommt, ist zweitrangig. In „Five Minutes of Heaven“ wirkt die Botschaft vor allem naiv. Zur Bewältigung historischer Traumata schlägt der Film eine kathartische Haudrauf-Lösung vor: Männer, poliert euch mal richtig die Fresse, dann wird alles gut! Erst die Verwandlung seelischer in körperliche Wunden lässt eine endgültige Heilung zu? Wenn die Sache bloß so einfach wäre. Zwiespältig. Julian Hanich

„Five Minutes of Heaven“, GB/Irland 2009,

89 Min., R: Oliver Hirschbiegel, D: Liam Neeson, James Nesbitt, Anamaria Marinca, Mark David

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