THRILLER„Tödliche Entscheidung“ : Fangnetz Familie

Julian Hanich

Der Regisseur Sidney Lumet ist mittlerweile 83 Jahre alt. In seiner langen Karriere hat er viele Thriller gedreht. Die meisten davon zogen ihre Intensität nicht aus ihrer actionreichen Handlung, sondern profitierten von den psychologischen Duellen der Figuren. Auch „Tödliche Entscheidung“ ist keine Ausnahme. Zwar treibt Lumet den Zuschauer zu hoher Wachsamkeit, indem er seine Geschichte auf verschlungenen Wegen ausbreitet und zeitlich vor- und zurückspringt. Dabei verbindet er die Nahtstellen zwischen Vergangenheit und Gegenwart mit ungewöhnlichen Blitzschnitten, die beinahe den Scratches eines HipHop-DJs gleichkommen. Doch letztlich ist seine stilsicher inszenierte Kriminalgeschichte vom heruntergewirtschafteten Brüderpaar, das einen mickrigen Coup in den Sand setzt und dabei dem Vater einen schmerzhaften Schock verpasst, nur ein Vorwand für eine Reihe von packenden Charakterscharmützeln.

Da ist zum einen Hank (Ethan Hawke, Foto, rechts), ein zappeliges Bürschchen, das mit den Nerven ziemlich am Ende ist. Aus Frust schüttet er sich regelmäßig einen rein. Seine grünlich-blasse Haut ist der weithin sichtbare Beweis der inneren Übersäuerung. Da ist zum anderen Andy (Philip Seymour Hoffman, links), Hanks älterer Bruder, der zwar viel Geld verdient, aber mit seiner Edel-Gattin noch viel mehr ausgibt. Sein tristes Angestellten-Leben hat ihn in die Heroinabhängigkeit getrieben. Und Geld hat er in seiner Firma auch noch unterschlagen. Wie eine Boa Constrictor windet sich das Schicksal um seinen Hals. Und da ist schließlich Charles, der Vater, ein Juwelier und zäher Brocken. Bestürzt muss er zusehen, wie sein Lebensentwurf immer mehr einem zerbröselnden Zwieback gleicht.

Alle drei werden von einem eng gesponnenen Familiennetz zusammengehalten – auf Gedeih, mehr aber noch auf Verderb. Was wie ein spannender Gaunerfilm beginnt, nimmt am Ende beinahe die Ausmaße einer griechischen Tragödie an. Einem unerfahrenen Regisseur wäre diese Geschichte möglicherweise aus dem Ruder gelaufen. Vielleicht hätte er sich auch in die Ironie gerettet. Nicht so Lumet. Weil er den Schlamassel seiner Figuren todernst nimmt, bleibt dem Zuschauer nichts anderes übrig, als sich den beklemmenden Familienangelegenheiten auszuliefern. Packend. Julian Hanich

„Tödliche Entscheidung“, USA, 117 Min., R: Sidney Lumet, D: Ethan Hawke, Philip Seymour Hofmann, Albert Finney

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