THRILLER„Unknown Identity“ : Die Straßen von Berlin

Foto: Kinowelt
Foto: Kinowelt

Neid! Die New Yorker kriegen ihn regelmäßig geboten, die Leute in San Francisco auch: den Spaß an der Zertrümmerung der allernächsten Umgebung. Endlich kann auch der Berliner die eigene Stadt in die Luft fliegen sehen, das Hotel Adlon in Flammen oder die Oberbaumbrücke mit Massenkarambolage. Schon bricht das Taxi mit Liam Neeson und Diane Kruger durchs Geländer und segelt, schwupps, in die Spree. Oder das: Eben noch friedlich durch die Friedrichstraße gelaufen, prompt machen finstere Leinwandgangster die Gegend zwischen S-Bahn und Unter den Linden unsicher. Wer weiß, vielleicht läufst du gleich selber durchs Bild.

Ein bisschen Autoaggression steckt in jedem Zuschauer, und ein bisschen Zerstörungslust in jedem Berliner: Bei der Berlinale-Premiere gab’s mehrfach Szenenapplaus. Zwar hat Hollywood hier schon öfter gedreht, aber diesmal adelt es die Stadt regelrecht, dass ihre Straßen so vorzüglich zur Action taugen, für krachende Verfolgungsjagden und einen virtuosen Thrillerplot, den der spanische Horror-Spezialist Jaume Collet-Sera in „Unknown Identity“ so spannungsreich wie vergnüglich in Szene setzt. Von Nebendarstellern wie Bruno Ganz als selbstironisch-verschmitztem Ex-Stasimann, Sebastian Koch als Biologieprofessor oder Stipe Erceg als Killertype zu schweigen: Den Aha-Effekt kennt man ja schon aus „Inglourious Basterds“.

Der Wissenschaftler Dr. Martin Harris (Liam Neeson) reist mit Gattin („Mad Men“-Star January Jones) zum Biotechnik-Kongress nach Berlin und muss nach unfallbedingtem Kurzzeit-Koma (Oberbaumbrücke!) erleben, dass seine Frau ihn nicht mehr erkennt, sie einen anderen als Dr. Harris (Aidan Quinn) ausgibt und sich der Rest der Welt brutalstmöglich gegen ihn verschworen hat. Wie es sich für einen anständigen Verschwörungskrimi gehört, tummelt sich auch der Zuschauer auf falschen Fährten, tut sich naturgemäß schwer damit, dass ausgerechnet der Top-Stasimann ein Good Guy sein soll – und wird mit immer neuen Volten und Überraschungsmomenten für die Verwirrung belohnt.

Perfektes Genre, gutes Timing: Vom richtigen Rhythmus, in dem die Attacken erfolgen, leben nicht nur Komödien, sondern auch Actionfilme. Liam Neeson spielt den Gejagten sympathisch zerknautscht, selbst Diane Kruger macht als illegale Bosnierin eine erstaunlich glaubwürdige Figur. Actionspaß mit Berlin-Bonus. Christiane Peitz

USA/D/GB/ F 2011, 111 Min., R: Jaume Collet-Serra, D: Liam Neeson, Diane Kruger, January Jones, Aidan Quinn, Bruno Ganz, Sebastian Koch

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