Tibet : Die Kulturevolution

Soldaten marschieren die Hauptstraßen entlang, auf Parkplätzen absolvieren sie Drillübungen: China schüchtert die Tibeter ein – denn in dieser Woche jährt sich gleich zwei Mal deren Aufbegehren. Doch es gibt auch Zeichen des Friedens.

Bernhard Bartsch[Peking]
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Das Wäldchen auf der Bergkuppe sieht nicht nach einem Schlachtfeld aus. „Aber manchmal haben wir hier richtige Gefechte“, erzählt ein Bauer aus dem Dorf im Tal, wo seine Familie dem widerspenstigen Hochland mit Yak- und Schafzucht seit Generationen ein karges Auskommen abringt. „Wenn einer von uns Tibetern zum Holzschlagen geht, greifen die Muslime ihn an“, sagt er, „und wenn einer von denen Bäume fällt, lassen wir uns das natürlich auch nicht gefallen.“

Holz zum Heizen und Bauen ist rar, und beide Seiten kämpfen mit allem, was sie haben: mit Fäusten, Steinen, Pfeil und Bogen, sogar mit Gewehren. Erst vor einigen Monaten prügelten sich zwischen den Bäumen einige hundert Männer. Auch in den Nachbardörfern kommt es regelmäßig zu Schlägereien, sagt der Tibeter, mitunter mit tödlichem Ausgang. Es geht um Weidegründe oder Wasserquellen, die Höhe von Moscheen und Tempeln oder alte Familienfehden, deren Ursprung kaum noch einer kennt.

Es geht um die Frage: Wer lässt wen hier wie leben? Im Kleinen, dort oben zwischen den Bäumen, und im Großen, beim „Tibet-Konflikt“, jenem der Welt vor 50 Jahren offenbar gewordenen, mit nahezu allen Mitteln geführtem Streit mit China um Unabhängigkeit und Unterwerfung.

Streit mit anderen Volksgruppen gehört für die Tibeter seit jeher zu den Konstanten ihres Lebens, besonders hier in Qinghai, einer der fünf chinesischen Provinzen mit großem tibetischem Bevölkerungsanteil (neben Tibet, Sichuan, Gansu und Yunnan). Amdo nennen die Tibeter die Region, die einmal den nördlichsten Teil ihres Königreichs bildete, ihre Verbindung zur Seidenstraße, wo sich seit über 3000 Jahren die Völker und Religionen Asiens verheddern.

In Amdo kamen die Tibeter im 8. Jahrhundert erstmals mit dem Buddhismus in Berührung. Hier wurde auch im 14. Jahrhundert Tsongkhapa geboren, der Begründer der einflussreichsten tibetischen Glaubensschule der Gelbmützen. Und 1935 kam in dem Bauerndorf Taktser, wenige Kilometer von dem umstrittenen Bergwäldchen entfernt, der Junge Lhamo Dhondrub zur Welt, in dem die Gelbmützen die 14. Wiedergeburt ihres Dalai Lama sahen.

Kein Bewohner wagt offen über „ihn“ zu sprechen. Doch bei vielen Tibetern steht sein Bild auf dem Hausaltar, „sie können einfach nicht von ihm lassen“, sagt ein chinesischer Händler in der Provinzhauptstadt Xining, der unter dem Ladentisch Fotos des buddhistischen Religionsoberhaupts verkauft. „Dabei schafft er ihnen doch nur Probleme.“

Doch diese kommen nach Meinung vieler Tibeter aus der entgegengesetzten Richtung. 1950, ein Jahr nach der Gründung der Volksrepublik, ließ Mao Zedong seine Armee im tibetischen Kernland einmarschieren und auch hier revolutionäre Kräfte walten. Großgrundbesitzer wurden vertrieben und das Land an die Bauern verteilt. Hunderte Klöster wurden geschleift und die frommen Tibeter, die seit Menschengedenken einen Sohn zum Mönch auserkoren hatten, um für die ganze Familie gutes Karma anzusammeln, in die spirituelle Leere des Atheismus gestoßen.

Womöglich unterlag Mao eine Zeit lang tatsächlich der Illusion, die Tibeter empfänden die chinesische Herrschaft als Befreiung – die Kommunistische Partei jedenfalls scheint das bis heute zu tun, sie spricht offiziell von der „Befreiung Tibets“. Doch dann kam der 10. März 1959, an dem zehntausende Tibeter gegen die chinesische Obrigkeit aufbegehrten. Zwar konnte Chinas Armee die Proteste schnell niederschlagen, doch der von Maos Brutalität geschockte Dalai Lama floh nach Indien und gründete mit seiner Gefolgschaft in dem indischen Bergdorf Dharamsala eine Exilregierung. Was ein Regionaldisput hätte bleiben können, wurde damit zum Weltkonflikt.

Seine Fronten sind scharf und die Sympathien klar verteilt. Der Dalai Lama wirft Peking einen „kulturellen Genozid“ vor: die systematische Auslöschung der tibetischen Lebensweise durch Religionseinschränkung, brutale Repressionen, wirtschaftliche Benachteiligung und die Ansiedlung hunderttausender Chinesen in tibetischen Gebieten. Für seine Forderung nach einem freien oder zumindest weitgehend autonomen Tibet konnte er große Teile der westlichen Öffentlichkeit hinter sich vereinigen, dank seines persönliches Charismas und der Anziehungskraft des Buddhismus, und unterstützt von antikommunistischen Ängsten und dem Verzauberungsfaktor „Dach der Welt“.

Pekings Kommunistische Partei argumentiert dagegen, Tibet sei seit Jahrhunderten Teil des Vielvölkerstaats China und habe durch den Aufschwung der vergangenen Jahrzehnte stark profitiert, etwa durch höhere Einkommen, bessere Bildung, medizinische Versorgung oder fortschrittliche Infrastruktur. In den gut 30 Jahren seit Ende der Kulturrevolution sei auch die Religionsfreiheit wieder gewährleistet; viele zerstörte Klöster wurden wieder aufgebaut. Dass es trotzdem immer wieder zu Unruhen kommt, wie zuletzt im vergangenen Jahr – friedlichen Demonstrationen der Mönche folgten am 14. März Bürgerkriegszustände –, lastet Peking der „Dalai-Clique“ an, die Tibet vom Mutterland abtrennen wolle.

Wer in dieser Gemengelage welche Wahrheiten auf seiner Seite hat, lässt sich schwer überblicken. Denn so präsent Tibet in der Weltöffentlichkeit seit 50 Jahren ist, so isoliert sind die Landstriche, um die sich der Streit dreht. Seit Jahrzehnten sind große Teile der tibetischen Gebiete für Reisende, insbesondere Ausländer, gesperrt.

Nach den Unruhen des vergangenen Jahres wurden noch weitere Regionen abgeriegelt, so dass Tibet derzeit fast unzugänglich ist. Zwar gelang es dem Autor Ende Februar trotzdem, in Qinghai in gesperrte Gebiete zu gelangen und dort mit Mönchen, tibetischen und chinesischen Beamten, Bauern, Nomaden und Geschäftsleuten zu sprechen – zu ihrem Schutz bleiben Namen und Ortschaften ungenannt. Doch mehr als ein bruchstückhaftes Bild vom Alltag der Tibeter kann unter diesen Bedingungen nicht entstehen.

Sicher scheint allerdings: Die traditionelle Lebensart der Tibeter ist im Zerfall begriffen – und daran sind längst nicht nur die Chinesen schuld. Die Tibeter haben noch ganz andere Probleme: Ihre Nomaden- und Bauernkultur passt schlecht ins Zeitalter der Globalisierung mit ihren Versprechen eines besseren Lebens in den Städten. „Zum ersten Mal haben junge Menschen die Möglichkeit, ein anderes Leben zu wählen als ihre Eltern“, sagt ein Tibeter. „Der Reiz des Neuen ist groß, aber auch gefährlich.“ Denn wer erst einmal das Leben jenseits von Feld und Weide kennengelernt hat, findet selten den Weg zurück. Da die Alten die schwere Landarbeit nicht alleine machen können, sind auch sie über kurz oder lang zum Umzug gezwungen.

Allerdings steht die Stadtflucht erst am Anfang. Denn in den vergangenen Jahrzehnten sind viele Tibeter ohne Bildung aufgewachsen, weil es entweder keine Schulen gab oder Eltern ihre Kinder lieber als Arbeitskräfte zu Hause behielten. „Wie soll ich in die Stadt kommen, wenn ich kein Chinesisch kann und nicht einmal einen Busfahrplan lesen kann?“, sagt eine junge Frau. „Deswegen ist es mir wichtig, dass meine Tochter lesen und schreiben lernt.“ Doch das bedeutet auch, sich dem Einfluss der Chinesen auszusetzen. Weil ihre Heimat fern jeder Ortschaft liegt, zog die Familie kürzlich in ein Ansiedlungsprojekt für Nomaden, mit dem die Regierung die Sesshaftigkeit fördern und die Überweidung von Weideland verhindern will. In der dortigen Schule ist Chinesisch die Hauptunterrichtssprache, Tibetisch nur Nebenfach.

„Viele Tibeter sehen inzwischen ein, dass sie in der heutigen Welt um Chinesisch nicht mehr herumkommen“, sagt ein Mönch. „Aber sie haben Angst, dass ihre Kinder damit ihre Kultur verlieren.“ Der etwa 30-Jährige, der an einer staatlichen Hochschule studiert hat, unterrichtet selbst Chinesisch – in seinem Kloster. Rund ein Dutzend Kinder werden dort zu Mönchen ausgebildet. Die Klosterschule beruht auf einer stillen Vereinbarung mit der Lokalregierung. Laut Gesetz darf man erst mit 18 ins Kloster, doch die chinesischen Beamten sehen darüber hinweg. „Sie wissen, dass sie von uns keine Proteste zu befürchten haben“, sagt der Mönch, „deshalb sind sie zu Zugeständnissen bereit.“

Zwar gesteht er im Vertrauen ein, dass er in seiner Jugend – wie viele hundert Tibeter jedes Jahr auch – die gefährliche Wanderung über die Grenze nach Indien unternommen hat, um den Dalai Lama zu sehen. Doch nach einem Jahr kehrte er zurück und bemüht sich seitdem, die tibetische Kultur zu fördern, ohne mit den Chinesen in Konflikt zu geraten. „Wir müssen ihnen zeigen, dass sie vor uns keine Angst haben müssen“, sagt er. „Das ist unsere einzige Chance.“

Allerdings spürt auch er die Auswirkungen der Spannungen des vergangenen Jahres. Wie alle Mönche darf auch er seinen Landkreis nicht verlassen; Busfahrer sind angewiesen, die Geistlichen nicht mitzunehmen. Außerdem wurden die Mönche über eine neue „Sicherheitsklausel“ im Gesetz zur Religionsausübung unterrichtet. Sie verbietet „separatistische Aktivitäten gegen das Mutterland oder die Teilnahme an illegalen Protesten, die öffentliche Störungen verursachen könnten“. Außerdem erhalten Tibeter derzeit keine Reisepässe mehr, weil Peking Auslandskontakte verhindern will.

In den Konfliktzentren des vergangenen Jahres fährt die Regierung vor den beiden Jubiläen ihr ganzes Einschüchterungspotenzial auf. So marschieren in der Klosterstadt Rebkong Truppen der Volksbefreiungsarmee in Camouflage-Uniformen die Hauptstraße entlang und absolvieren auf öffentlichen Parkplätzen Drillübungen.

Viele Tibeter hoffen, dass die Jahrestage ohne neue Unruhen vorbeigehen und sich die derzeitigen Restriktionen lockern werden. Doch wie schwer sie es auch danach haben werden, zeigt sich etwa im Kloster Kumbum, einer der wichtigsten tibetischen Pilgerstätten am Geburtsort des Gelbmützenbegründers Tsongkhapa.

Unter tibetischen Mönchen gilt das Heiligtum mittlerweile als Strafversetzungsposten, weil kaum ein anderes Kloster stärker zum Rummelplatz chinesischer Tibet-Touristen geworden ist. Zwar kommen noch immer viele Pilger. Ein tibetischer Schüler aus dem Hochland erzählt, er wolle hier ein paar Tage lang für ein besseres Abschlusszeugnis beten, und eine alte Frau umkreist täglich drei Mal die Pilgerstätte, um so ein Knieleiden zu heilen. Doch hauptsächlich gehört das Kloster den Reisenden, die lärmend Fotos machen und im Spaß tibetische Gebetsrituale nachspielen. „Sie merken nicht, dass wir unsere Kultur nicht auf Folklore reduzieren wollen“, sagt ein Tibeter.

Womöglich ist derartige Ignoranz die schlimmste Form der Diskriminierung – und für Tibets Kultur genauso gefährlich wie es die Keilereien um Bäume auf den Bergen von Amdo für die Gesundheit der Yak-Züchter sind.

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