Zeitung Heute : Tickende Zeitgeschichte im KaDeWe

Der Tagesspiegel

Wilhelm Zwo saß beim Schreiben auf einer Art Sattel. Den gibt es seit gestern im KaDeWe zu sehen. Aber nicht der kuriose Bürositz des letzten deutschen Kaisers bestimmt die Ausstellung, mit der das Einkaufsparadies des Westens seinen 95. Geburtstag feiert, sondern Zeitmesser aus sieben Jahrhunderten. Über 400 Uhren ticken, läuten, wispern und klingen bis zum 18. Mai auf 500 Quadratmetern in der Eingangshalle und in den Schaufenstern am Wittenbergplatz.

Die Stunde für das KaDeWe – heute eines der Wahrzeichen Berlins – schlug dort am 21. März 1907. Am Rande des feinen Westens der Stadt eröffnete damals Kommerzienrat Adolf Janert sein Kaufhaus – „was Lage ist, bestimme ich“, sagte er Kritikern des Standorts. Er behielt Recht. Der Einkaufstempel lockte nicht nur tout Berlin, sondern wurde schnell zur exquisitesten Adresse der Stadt. An diesen Anfang 1907 und die sich anschließenden Jahrzehnte erinnert zu seinem 95. Geburtstag jetzt das Haus und zeigt dazu, was die Stunde damals, gestern und heute geschlagen hat.

Haarscharf an den strengen Bestimmungen des deutschen Wettbewerbsrechts vorbei, nach dem 25 Jahre, 50 oder 75, aber eben nicht 95 ein zu feierndes Jubiläum sind, „mogelt“ sich das Kaufhaus mit seiner Ausstellung „95 Jahre KaDeWe – 95 Jahre Zeitgeschichte“. Eine äußerst sehenswerte Mogelei fand man gestern. Schmucke Schwarzwaldmädel fielen im Gewimmel auf, ein Bursche in Tracht trug auf dem Rücken gleich fünf der berühmten holzgeschnitzten Kuckucksuhren aus dem Schwarzwald spazieren. Das dortige Deutsche Uhrenmuseum zeigt 30 Stücke seiner Schätze – marmorne Jugendstiluhren ebenso wie eine Atomuhr.

Worauf Wilhelm II. im niederländischen Exil in Schloss Doorn die Zeit abgelesen hat, ist mit 40 Ausstellungsstücken belegt – prunkvolle Kaminuhren aus feuervergoldeter Bronze mit Figuren aus der griechischen Mythologie gehören eben so dazu, wie seine Schreibtischuhr in Ankerform, einschließlich Thermometer und Barometer.

Acht Turmuhren hat das Uhrenmuseum Bad Grund sechs Meter hoch und bis zu 3,5 Zentner schwer im KaDeWe aufgebaut. In einem der Schaufenster sind Riesenkuckucksuhren die Sensation – die größte nicht begehbare Kuckucksuhr der Welt kann man an der Ecke Passauer Straße bewundern. Prunkuhren aus dem Schloss Versailles gibt es zu sehen, eine Klosteruhr von 1430, auch eine Uhr von 1840, die auf ihrem Bronzegehäuse die Plastik des damaligen Papstes zeigt – „Uhren sind Zeitgeschichte“, sagte gestern KaDeWe-Chef Volker Weihe über die Schätze, die man bis zum 18. Mai täglich besuchen kann. Wer möchte, kann sich montags bis freitags jeweils um 15 und 17 Uhr, sonnabends um 12 und 14 Uhr fachgerecht durch die Ausstellung führen lassen. Treffpunkt ist der Info-Stand im Erdgeschoss des KaDeWe. Dessen Direktor Volker Weihe stellte gestern außer den Zeitmessern auch eine Zeitzeugin vor – ein Jahr und einen Monat älter als das Haus am Wittenbergplatz ist Vera Müller. Ihr Geschenk zum 95. KaDeWe-Geburtstag zeigt sie mit vier Jahren – das Foto ließen ihre Eltern damals im KaDeWe fotografieren. hema

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