Zeitung Heute : Ticket zum Job

Allein im Berliner Gastgewerbe könnten zur WM bis zu 10 000 Stellen entstehen, schätzen Experten. Gut ausgebildete Bewerber mit Sprachkenntnissen haben auch Chancen auf eine Festanstellung

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Adidas, der WM-Ausrüster, die Kultfirma. Wer möchte da nicht mal arbeiten? „700 temporäre Stellen für die WM gibt es, hauptsächlich Hostessen“, sagt Unternehmenssprecherin Anne Putz. Das Manko: Alle Stellen sind längst besetzt, weil sich schon seit Monaten die Bewerber drängeln. Die meisten Adidas-Hostessen werden natürlich in der WM-Arena vor dem Reichstag ihren Traumjob antreten. Wer sich gut macht, kann sich später für einen festen Arbeitsplatz im expandierenden Unternehmen bewerben – im Marketing, bei der Produktentwicklung, im Sponsoring, aber nur „wenn alles andere auch stimmt“. Der WM-Job könnte das Sahnehäubchen auf der Bewerbung sein.

Die Fußball-WM als Jobmaschine und Karriereeinstieg, das ist die Botschaft aus Politik und Wirtschaft. 100 000 zusätzliche Jobs bundesweit sollen entstehen, sagt die Bundesagentur für Arbeit. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag rechnet mit 60 000 WM-Jobs, von denen 20 000 wegen der verbesserten Infrastruktur, der touristischen Sogwirkung und der allgemein besseren Stimmung langfristig erhalten bleiben sollen. Das ist viel und erscheint doch wenig in einem Land mit knapp fünf Millionen Arbeitslosen.

Die meisten, zunächst temporären, WM-Jobs werden im Tourismus und in den eng damit verbundenen Branchen wie Gastronomie und Einzelhandel entstehen. Das lehrt die Erfahrung aus sportlichen Großveranstaltungen wie den Olympischen Spielen in Barcelona, Athen und Sydney. Die deutsche Tourismuswirtschaft rechnet mit rund einer Million zusätzlicher Gäste, die fünf Millionen Übernachtungen buchen werden. Die Postbank, auch WM-Sponsor, hat in einer Studie herausgefunden, dass die „tourismusnahen Bereiche“ mit einem Umsatzplus von 850 Millionen Euro rechnen können, auf Berlin sollen davon etwa 200 Millionen Euro entfallen.

Wie viele Arbeitsplätze durch diesen Geldregen entstehen, kann niemand seriös vorhersagen. Willy Weiland, Präsident des Berliner Hotel- und Gaststättenverbandes, rechnet zu Spitzenzeiten mit 5000 bis 10 000 Jobs allein in der Gastronomie. „Das betrifft vor allem das Outside-Catering“, also Bratwurstbuden auf der Fanmeile und Gourmet-Buffets in den großen VIP-Zelten am Olympiastadion. Je nach Aufgabe und Qualifikation könnten die Servicekräfte bis zu 20 Euro in der Stunde verdienen. Vermittelt werden die Jobs von Zeitarbeitsfirmen, die sich auf Gastronomie spezialisiert haben, aber auch von den Arbeitsagenturen.

In den zwölf Austragungsstädten der WM hat die Arbeitsagentur Vermittlungsteams gebildet, die speziell für den Bedarf im Umfeld der Weltmeisterschaft arbeiten. In Berlin wurden bislang 1815 freie Stellen registriert und 3961 Bewerber in einem WM-Pool zusammengefasst. Die konkrete Vermittlung läuft in der Regel über Castings bei den Auftraggebern – „das sind durchweg renommierte Firmen“, sagt Mechthild Wiederstein, Leiterin des WM-Vermittlungsteams. Deshalb hätten nur qualifizierte und hochmotivierte Bewerber eine Chance. „Der Wille, dabei zu sein, reicht nicht aus. Die Bewerber müssen sich im Klaren sein, dass sie von den Spielen nicht viel mitbekommen werden.“ Auch Quereinsteiger, die mal eine andere Branche ausprobieren möchten, seien bei der WM fehl am Platz. Fremdsprachenkenntnisse sind oft Bedingung für eine Stelle.

Gesucht werden Aufbauhelfer, Reinigungskräfte, Eventmitarbeiter, Wachschutzleute, Fachverkäufer, aber auch Personal für Leitungsaufgaben, etwa ein „Generalmanager für ein Fan-Hostel“. Vergeben werden die Stellen gleich im Dutzend, in einem Fall sucht eine Firma für Sicherheitsdienste 400 Leute. Wegen des aufwändigen Akkreditierungsverfahrens der Fifa verzögere sich die Einstellung vieler Bewerber, sagt Wiederstein. Gezahlt werde nach ortsüblichem Tarif, per Tagespauschale oder Stundensatz. Einen „WM-Bonus“ gebe es nicht.

Bisher bewege sich das Stellenangebot „im Rahmen der Erwartungen“. Die Fachleute von der Arbeitsagentur erwarten aber, dass nach Ostern eine weitere Welle von Jobangeboten anrollt, besonders im Einzelhandel. Dort werde oft sehr kurzfristig disponiert, so Wiederstein. Chance auf eine längerfristige Beschäftigung nach der WM hätten vor allem Wachschutzleute. In der Branche wird ohnehin ständig Personal gesucht. Beim Gebäudedienstleister Gegenbauer sollen in diesem Jahr 60 bis 100 neue Langzeitjobs entstehen. Zugleich werden 250 Sicherheitskräfte für die WM gesucht. „Wer positiv auffällt, hat gute Chancen, einen unbefristeten Vertrag zu bekommen“, sagt Sprecher Gunther Thiele.

Einen Auftragszuwachs durch die WM verzeichnet auch die Baubranche. Stadien müssen fitgemacht, Zufahrtswege instandgesetzt und Plätze aufgehübscht werden. Auf 20 000 zusätzliche Stellen schätzt die Bundesregierung den bundesweiten Effekt. Die kleinen und mittelständischen Firmen aus der Region spürten allerdings nichts davon, erklärt die Fachgemeinschaft Bau Berlin-Brandenburg. „Die Großprojekte gehen an uns vorbei“, sagt Verbandssprecher Heiko Wiegand.

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