Zeitung Heute : Tickets, zum Glück

Nicht jeder, der eine WM-Karte hat, nutzt sie auch – das könnte die Erklärung für leere Plätze in eigentlich ausverkauften Stadien sein

Robert Ide[Leipzig]

Im Leipziger Zentralstadion waren erstmals bei der WM viele Plätze nicht besetzt. Hat das Ticketsystem versagt?


Als im Leipziger Zentralstadion die Zuschauerzahl angesagt wurde, ging ein Raunen durch die Ränge. 37 216 zahlende Besucher – nicht ausverkauft. Auf der Gegentribüne und in einer Ecke des Oberrings waren Hunderte Plätze beim Spiel zwischen Serbien-Montenegro und den Niederlanden am Sonntag unbesetzt. Nach Angaben des Fußball-Weltverbandes Fifa stehen im Zentralstadion 38 898 Sitzplätze zur Verfügung – 1682 Sitze blieben also frei. Zur offiziellen Zuschauerzahl kommen Presse- und Ehrenkarten, so dass die Kapazität der Arena bei 43 000 liegt. So viele sollen laut WM-Organisationskomitee (OK) auch im Stadion gewesen sein. Überraschend meldete OK-Sprecher Gerd Graus am Montag das Stadion nachträglich als ausverkauft. „Bei der Übermittlung der Zahlen an den Stadionsprecher ist eine Panne passiert“, sagte Graus. „Die Arena war ausverkauft, es waren keine Karten mehr erhältlich.“ Warum aber blieben Plätze frei?

Dieser Frage gingen die Organisatoren am Montag hektisch nach. Der für Tickets zuständige OK-Vizepräsident Horst R. Schmidt sagte am Abend auf Anfrage: „Wir haben die Ursache noch nicht klären können.“ So blieben die offiziellen Angaben zunächst im Vagen. „Als Erklärung für hunderte freie Plätze bleibt uns wohl nur, dass irgendwer seine Tickets nicht genutzt hat“, sagte Graus. In Organisationskreisen verdichtete sich die Meinung, dass dieser irgendwer aus dem Lager der WM-Sponsoren kommt. Dafür spricht, dass vor allem teure Plätze und oft mehrere Reihen hintereinander frei blieben.

Schon vor der WM hatten Organisatoren befürchtet, dass Sponsoren und kleinere Landesverbände ihre Kontingente nicht nutzen könnten und Karten nicht rechtzeitig zurückgeben. Zudem hatte es Auseinandersetzungen mit der Schweizer Agentur ISE gegeben, die von der Fifa die Lizenz zum Verkauf von 300 000 VIPKarten erlangt hatte, aber nicht alle teuren Pakete loswurde. Kurz vor der WM senkte ISE die Preise, die Fifa gab mehr als 50 000 Karten vor allem aus ISE-Beständen zurück. ISE-Sprecher Peter Czanadi sagte aber am Montag: „In Leipzig waren alle unsere Bereiche voll besetzt.“

Rückläufer gehen in den Last-MinuteVerkauf im Internet. Auf www.fifaworldcup.com sind immer wieder Karten erhältlich. Zunächst aber werden Käufer von Optionstickets bedient, die sich in Wartelisten eingetragen und Teilbeträge bezahlt haben. Es gibt mehr als 100 000 solcher Vorbestellungen. Die Käufer können ihre Karten an den Ticketschaltern vor den Stadien abholen. Hier lassen auch Fans ihre personengebundenen Karten umschreiben, meist auf Familienmitglieder. Laut Ticketchef Schmidt gab es bislang 140 000 Umschreibungen. An den Schaltern sammeln sich vor den Spielen auch Fans, die noch Karten suchen – vergeblich. Einen Direktverkauf gibt es nicht.

Die Personenbindung der Karten hat das Ticketsystem dieser WM kompliziert gemacht – und fragil. „Das Thema wird uns bis zum Finale beschäftigen“, sagt Organisationschef Franz Beckenbauer. Zwar sind die meisten Stadien ausverkauft und auch voll besetzt. Doch zuweilen gibt es Lücken von mehr als 100 Plätzen, zum Beispiel am Sonntag in Nürnberg (Iran – Mexiko). Die Organisatoren wollen in solchen Fällen Volunteers auf die Plätze setzen.

Vor den Stadien gibt es Ausweiskontrollen, aber nur in Stichproben. Bei den drei Spielen am Sonntag wurden Tausende Karten, auf denen der Name des Käufers steht, mit den Personalausweisen abgeglichen. In Köln gab es laut OK rund 100 Auffälligkeiten. In Leipzig wurden drei Männer festgenommen, die gefälschte oder gestohlene Tickets anboten. „Komplett kann man den Schwarzhandel nicht unterbinden“, sagt OK-Vize Wolfgang Niersbach. In Hamburg sollen vor dem Spiel zwischen Argentinien und der Elfenbeinküste rund 600 Karten mit dem Aufdruck „Elfenbeinküste, Abteilung Sportreisen“ überteuert angeboten worden sein. Im April hatte die Fifa untersuchen lassen, ob der Verband Tickets mit Gewinn an unautorisierte Händler verkaufte. Laut Fifa gab es aber keine Unregelmäßigkeiten. Derzeit läuft eine ähnliche Untersuchung gegen den Verband von Paraguay.

Die Karten von Sponsoren und Verbänden tragen nicht den Namen des Besitzers, sondern nur die Kennung der Organisation. Die Namen sollten auf Listen in den Stadien hinterlegt werden. Die Quote der Personalisierung dieser Karten liegt höher als 80 Prozent. Sponsoren und Geschäftskunden hatten lange mit ihrer Datenangabe gezögert, da verschenkte VIPTickets als „geldwerter Vorteil“ versteuert werden müssen – vom Beschenkten.

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