Zeitung Heute : Tief im Osten

Wie ostdeutsche Standortvorteile Verhandlungen bei Opel und anderen Unternehmen beeinflussen

Moritz Döbler

Die Opel-Krise ist vorbei. Zu Beginn der Verhandlungen hieß es, Opel habe hier nur eine Zukunft, wenn die westdeutschen Löhne den ostdeutschen angepasst würden. Gibt der Osten der Wirtschaft den Ton an?

Dass der Standort Deutschland sich in Konkurrenz zu Osteuropa und Asien zu bewähren hat, daran ist man schon gewöhnt. Die Globalisierungskeule wird in Tarifverhandlungen und Talkshows gern geschwungen. Doch das Beispiel Opel zeigt, dass auch der Westen und der Osten Deutschlands mehr als ein Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung gegeneinander ausgespielt werden können. Kaum jemand spricht noch von der Angleichung der Ostlöhne an Westniveau – umgekehrt wird ein Schuh daraus.

So spielte Carl-Peter Forster, Vize-Europachef der Opel-Mutter General Motors, diese Trumpfkarte Ende Januar bei einer Betriebsversammlung in Essen unverhohlen aus, als er sagte, dass die Opelaner in Bochum nur eine Zukunft hätten, wenn sie sich in ihren Lohnerwartungen auf Dauer an den Ostkollegen in Eisenach orientierten. Für die Betriebsräte war das die Forderung nach einem 20-prozentigen Lohnabschlag. So weit ist es in dem am Freitag unterzeichneten „Zukunftsvertrag“ dann nicht gekommen, aber der reicht ja auch nur bis 2010.

Diese Ost-West-Debatte setzt nicht nur beim Lohnniveau an, auch Subventionen und andere Anreize spielen eine Rolle. So errichtet die Firma Kamps eine Großbäckerei im Nordwesten Mecklenburg-Vorpommerns mit 250 Beschäftigten, baut aber gleichzeitig mehr als 100 Arbeitsplätze wenige Kilometer entfernt in Schleswig-Holstein und Hamburg ab. In den beiden West-Ländern ist man nicht erfreut und vermutet gezielte Abwerbestrategien der östlichen Nachbarn – die auch schon beim Lübecker Marzipanfabrikanten Niederegger, einem weltweit bekannten Traditionsunternehmen der Hansestadt, angeklopft haben sollen. Auch der Zwiebackhersteller Brandt ging nach Osten. Mehr als 100 Jahre wurde in Hagen im Süden des Ruhrgebiets Zwieback gebacken, doch dann fiel die Entscheidung, nicht dort weiter zu investieren, sondern in ein neues Werk im thüringischen Ohrdruf, wo man fast doppelt so viel Subvention bot. 350 Menschen verloren in Hagen ihren Arbeitsplatz, während im neuen Werk in Ohrdruf nur 180 Arbeiter Zwieback herstellen. Staatliche Mittel flossen also in den Abbau von Arbeitsplätzen.

Porsche-Chef Wendelin Wiedeking verzichtete dagegen auf jegliche Subvention für das neue Cayenne-Werk und entschied sich dennoch für Leipzig als Standort. „Made in Germany“ und die Chance, ein Werk ungehindert komplett neu aufzubauen, gaben den Ausschlag. Die – wenigen – Industriestandorte Ostdeutschlands sind überwiegend neu und damit, anders als im Westen, das Modernste, was es auf der Welt gibt.

Ob Leipzig mit Porsche oder BMW, Zwickau und Dresden mit Volkswagen, Mercedes mit Ludwigsfelde bei Berlin oder eben Eisenach mit Opel – stets ist es auch dieses Argument, das für den Osten spricht. So könnte die Deindustrialisierung Deutschlands, die viele Experten beobachten, am Ende den alten Westen stärker betreffen als den Osten. Denn die Deindustrialisierung Ostdeutschlands ist ja schon in den ersten Einheitsjahren abgeschlossen worden. Jetzt läuft, wenn auch auf niedrigem Niveau, der Aufbau – auf Kosten des Westens und nach dem Vorbild des Westens: Das Bochumer Werk wurde einst auch mit Millionen subventioniert, und Gewerbesteuer zahlt Opel dort seit vielen Jahren nicht mehr.

Das Fatale daran ist, dass die Bewegung nach Osten jetzt zwar noch überwiegend innerhalb Deutschlands zu beobachten ist, das Globalisierungsargument aber natürlich Gewicht hat. So ist es auf den ersten Blick eine gute Nachricht, dass BASF 500 bis 600 Arbeitsplätze im Osten von Berlin zusammenzieht. Aber dass Bratislava nicht den Zuschlag erhielt, liegt an den Zugeständnissen der Gewerkschaft beim Tarifgefüge. Nächstes Mal kann es anders sein.

Bayer-Sprecher Günter Forneck sieht wenig Signalwirkung in diesem Deal. Zwar sei die Einigung zu begrüßen. „Aber die meisten expandieren in den Märkten, in denen es noch Wachstum gibt. Und das ist in Zentraleuropa definitiv nicht der Fall“, sagt er mit Blick auf die Chemiebranche. In der Tat betrifft der Fall BASF nicht die Produktion, sondern Zentralbereiche wie das Finanz- und Rechnungswesen.

Es gibt nur wenige Unternehmen, die sich der globalen Lohnkosten-Logik prinzipiell verschließen. Der bekannteste unter diesen Unternehmern ist Wolfgang Grupp, Chef des Textilherstellers Trigema, der behauptet, dass nur jene Firmen ins Ausland abwandern, die daheim keinen Erfolg haben. Für ihn liegt der Schlüssel in motivierten und qualifizierten Mitarbeitern – aber eben auch in Automatisierung. Und die schafft keine Arbeitsplätze.

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