Zeitung Heute : Tief im Westen

Wie kaum ein anderes Bundesland steckt NRW im Strukturwandel – eine Landeskunde

Stefan Jacobs

In Nordrhein-Westfalen wurde gewählt. Was macht das Land NRW eigentlich aus?

Nordrhein-Westfalen? Da fallen einem der Ruhrpott, Bonn und Grönemeyer ein. Immerhin. Aber es gibt noch einiges mehr zu sagen über das große Land mit der kleinen Ex-Hauptstadt.

Allgemeines: NRW liegt in mehrfacher Hinsicht auf halber Höhe: Es ist etwa gleich weit entfernt von Küste und Alpen, und es ist weder besonders bergig noch flach. Höchster Punkt im Lande ist mit 841 Metern der Kahle Asten im Sauerland. Der Berg steht für Deutschlands nördlichstes Skigebiet. Über drei Monate im Jahr liegt hier Schnee – und zwar reichlich, denn die Niederschläge in NRW sind höher als in den meisten anderen deutschen Regionen. Dieses tendenziell schlechte Wetter kommt vom Atlantik über die nahen Niederlande und betrifft in NRW reichlich 18 Millionen Einwohner. Das sind mehr als in ganz Ostdeutschland und mehr als in jedem anderen Bundesland. Auch deshalb ist die Kommunalwahl in NRW so wichtig. Das Ruhrgebiet mit seinen Großstädten liegt in NRW: Essen, Bochum, Duisburg, Dortmund, Gelsenkirchen, und so weiter. Düsseldorf mit 572000 Einwohnern ist Landeshauptstadt, aber in Köln, Dortmund und Essen leben mehr Menschen. Wer sich je mit dem Auto durchs Ruhrgebiet finden musste, weiß, wie ungewöhnlich dicht besiedelt NRW ist – und glaubt kaum, dass ein Viertel des Landes von Wald bedeckt ist.

Wirtschaft : Bochums von Herbert Grönemeyer besungener „Pulsschlag aus Stahl“ ist leiser geworden, aber er bleibt hörbar: 10000 Opel-Mitarbeiter bauen in Bochum den Astra und den Zafira. Konkurrent Ford produziert in Köln, Mercedes in Düsseldorf, und im ganzen Land hat sich eine Vielzahl von Zulieferern etabliert. Auch die Rohstoffe kommen aus der Nachbarschaft: Die Thyssen Krupp Stahl AG produziert in und um Duisburg. Obwohl die tradionellen Branchen besonders unter Wirtschaftsflaute und weltweiter Konkurrenz leiden, ist die Wirtschaft noch immer die bundesweit stärkste: Sie steuert etwa 22 Prozent zum deutschen Bruttoinlandsprodukt bei. Fast die Hälfte der 100 größten deutschen Unternehmen sind in NRW angesiedelt – von den Chemiekonzernen Bayer, Henkel und Degussa über die Energieriesen RWE und Eon bis zur Telekom.

Zwar ist NRW noch immer deutscher Exportmeister, aber dass die Wirtschaft schwächelt, zeigt sich auch an der Arbeitslosenquote: Bei 10,3 Prozent lag sie im August – knapp unter dem gesamtdeutschen, aber klar über dem westdeutschen Schnitt. Dabei geht es mit der Wirtschaft schon wieder bergauf. Nach einer vorläufigen Berechnung wuchs das Bruttoinlandsprodukt im ersten Halbjahr inflationsbereinigt um 1,3 Prozent. Der Anteil des produzierenden Gewerbes an der Wertschöpfung hat sich seit 1970 in etwa halbiert. Die wachsende Dienstleistungsbranche vermochte das Minus nicht ganz auszugleichen. Dabei residiert mit der WestLB in NRW auch Deutschlands größte öffentlich-rechtliche Bank.

Geschichte : Die Historie des Gebiets links des Rheins ist kompliziert, weil es aus kleinen Grafschaften, Herzogtümern, Bistümern und Fürstentümern bestand. Übersichtlich wird es erst mit der von den britischen Alliierten 1946 vollzogenen „Operation Marriage“, als der nördliche Teil der preußischen Rheinprovinz mit der preußischen Provinz Westfalen zu NRW vereinigt wurde.

Zum Industrieland NRW gehörte eine starke SPD. Auch wenn von Bonn aus – der neuntgrößten Stadt in NRW – die CDU die Bundesrepublik regierte: Nordrhein-Westfalens Rathäuser waren lange Zeit überwiegend rot. Das änderte sich schlagartig bei den Kommunalwahlen 1999. Im Landtag stellt aber weiterhin die SPD von Ministerpräsident Peer Steinbrück die stärkste Fraktion. Ob das so bleibt, entscheidet sich im Mai 2005.

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