Zeitung Heute : Tiefflüge und ein Todesfall

Was die deutsche Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul in Afghanistan erlebte

Hans Monath[K] us

Die zweite Nacht in Afghanistan beginnt für Heidemarie Wieczorek-Zeul mit einem Schock. Am Sonntagabend um halb elf erreicht die Nachricht den dritten Stock des Serena-Hotels in Kabul und dringt in das Zimmer der Entwicklungsministerin: In der Nähe von Kundus, im Norden des Landes, ist ein afghanischer Mitarbeiter der Welthungerhilfe ermordet worden. Erst vor zwei Monaten hatten in der gleichen Region Bewaffnete einen deutschen Helfer der Organisation erschossen – damals wahrscheinlich ganz gezielt als ein Signal, dass die Ungläubigen das Land gefälligst in Ruhe lassen sollen.

Keine zwei Stunden zuvor hatte sich die Ministerin mit Vertretern deutscher Entwicklungsorganisationen zusammengesetzt und dabei dem Afghanistan-Chef der Welthungerhilfe, Theo Riedke, wegen des Mordes vor zwei Monaten noch einmal ihr Mitgefühl versichert. Die deutschen Entwicklungsexperten klagten in der Aussprache darüber, dass die Medien in Deutschland sich nur für die Gräueltaten der Taliban und die Kampfbomber-Einsätze der Alliierten interessierten, nicht aber für den Aufbau von Schulen und Trinkwasserleitungen oder für die Tatsache, dass mittlerweile 90 Prozent der Afghanen wieder medizinisch versorgt werden können.

Als die Ministerin in dieser Nacht die Todesnachricht erhält, trommelt sie schnell ihre Mitarbeiter zusammen, lässt alle Hintergründe abfragen und berät, wie sie reagieren soll. Da ist nicht nur das menschliche Drama. Der Vorfall passt auch nicht zu der Botschaft, die von ihrer Reise ausgehen soll: Sie glaubt an den erfolgreichen Wiederaufbau dieses Landes und sie glaubt daran, dass Deutschland mit seinen eng aufeinander abgestimmten militärischen und zivilen Hilfsleistungen dazu einen wichtigen Beitrag leistet.

„Es gibt aus Afghanistan wirkliche Erfolgsgeschichten zu berichten“, hatte sie den deutschen Helfern noch versichert. Auch den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai hatte sie am Mittag getroffen und versprochen, dass Deutschland seine Hilfe von 80 auf 100 Millionen Euro jährlich aufstocken will. Das neue Geld soll vor allem in Bildungsprojekte fließen.

Zum vierten Mal seit dem Sturz der alten Machthaber ist Wieczorek-Zeul in dem Land, in dem die Taliban wieder auf dem Vormarsch sind. Zu Hause werden manche SPD-Abgeordnete die Reise genau verfolgen. Im Herbst steht im Bundestag die Verlängerung des Bundeswehreinsatzes an. In der Partei der Ministerin würden viele die Soldaten lieber heute als morgen zurückbeordern – und manche wollen das Mandat nur verlängern, wenn gleichsam als Sühnezeichen die Entwicklungshilfe aufgestockt wird.

Nach dem Eindruck vieler Afghanen agiert vor allem das US-Militär oft recht rücksichtslos gegenüber Zivilisten – und sorgt so selbst dafür, dass der Westen immer verhasster wird. Dem widersprechen beim Besuch der Ministerin zwar die deutschen Offiziere ebenso wie Tom Koenigs, der UN-Sonderbeauftragte für Afghanistan. Doch hinter vorgehaltener Hand bestätigen auch deutsche Offizielle, dass sich die Krisenzeichen in Afghanistan mehren.

Am Morgen nach der Todesnachricht fliegt die Delegation der Ministerin nach Kundus, ausgerechnet in jene Region, wo der Mord geschah. In einem engen Raum des Flughafengebäudes berichtet der Regionalleiter der Welthungerhilfe die Einzelheiten: Zwei Lastwagen der Organisation sind auf dem Rückweg von einer Baustelle, als Bewaffnete sie anhalten wollen. Der erste Wagen kommt davon, der zweite wird gestoppt. Alarmierte afghanische Polizisten und Soldaten sowie Bundeswehreinheiten eilen aus Kundus zum 30 Kilometer entfernten Tatort. Dort finden sie den abgebrannten Lastwagen und die Leiche des etwa 20 Jahre alten Fahrers. Zwei Arbeiter, die mit im Fahrerhaus saßen, sind verschwunden und seither nicht mehr aufgetaucht.

Etwa 50 deutsche Entwicklungsexperten leben in der vor allem von Paschtunen bewohnten Region. Vor wenigen Monaten ist in der gleichen Gegend eine von der „Gesellschaft für technische Zusammenarbeit“ aufgebaute Schule niedergebrannt worden. Doch die Ministerin erfährt, dass es diesmal keine Hinweise für einen terroristischen Hintergrund gibt. Wahrscheinlich haben Kriminelle zugeschlagen. „In der Provinz Kundus“, sagt einer der Experten, „werden jede Woche mehr als zehn Menschen ermordet.“

Bevor die Ministerin dann in den Bundeswehr-Hubschrauber umsteigt, um im Tiefflug nach Feisabad in die östlichste Provinz Afghanistans zu fliegen, gibt sie eine Presseerklärung heraus: „Dieser Mord darf uns nicht zweifeln lassen an unserem Engagement in Afghanistan.“ Die Mehrheit der Afghanen sei für die Hilfe dankbar: „Die Menschen können darauf bauen, dass wir sie nicht im Stich lassen.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar