Zeitung Heute : Tiere: Urviecher

Ute Scheub

Elena ruft grunzend ihre fünf Ferkel zusammen. Maximilian, der mutmaßliche Vater im Nachbargatter, wendet sich entnervt ab. Mit Kindergequieke will er offenbar nichts zu tun haben. Eine ganz normale Schweinefamilie also?

Kein bisschen. Familie Grunz und Schnauf, die im Museumsdorf Düppel in Berlin-Zehlendorf lebt, erinnert eher an eine Horde Wildschweine. Und tatsächlich: Zu den Vorfahren dieser "Düppeler Weideschweine" zählt neben einem Land-, einem Rotbunten und einem Wollschwein auch ein Wildschwein aus dem Grunewald. Die Leute vom Museumsdorf haben diese wilde Mischung bewusst gezüchtet: Familie Weidewollwildsau soll so aussehen wie eine Schweinerasse des Mittelalters und nicht wie die Schweine von heute.

Auch sonst sieht es hier aus, als habe man sich mit einer Zeitmaschine direkt ins Mittelalter versetzen lassen. Auf dem Dorfplatz stehen ein paar Lehmhütten ohne Fenster, beheizbar nur durch eine Feuerstelle, deren Rauch den Bewohnern die Tränen in die Augen treibt. Bäuerinnen in Leinenkitteln mahlen zwischen zwei Steinscheiben Getreide zu Schrot oder probieren im Kräutergarten, ob Wildpflaumen und Holzäpfel schon reif sind: Pfui, noch ganz sauer! Diese Früchte, Vorformen unserer heutigen Pflaumen und Äpfel, wurden ebenfalls mit viel Mühe gezüchtet.

So ungefähr hat es hier auch schon vor 800 Jahren ausgesehen. Etwa im Jahre 1200 wurde an dieser Stelle "Cedelendorp" gegründet, Vorgänger des heutigen Zehlendorf, ein kleines Dorf deutscher und slawischer Bauernfamilien. Das Örtchen wäre längst vergessen, hätte hier nicht ein 14-jähriger Junge vor etwa 60 Jahren einen Haufen uralter Scherben gefunden. Forscher gruben später Überreste von Häusern, Kleidern, Schuhen und Tierknochen aus. 1975 wurde das Dorf so originalgetreu wie möglich wieder aufgebaut.

Vorsicht, Ochsengespann! Manchmal knarrt und quietscht ein hölzerner Bauernwagen über den Dorfplatz, gezogen von Konrad und Bruno. Wenn die beiden Riesen gerade nicht Wagen oder Pflug ziehen, schauen sie aus ihrem Gatter träge hinüber zu Elena.

Zu ihren Füßen hüpfen Ziegen und Skudden mit ihren Lämmern herum. Auch diese Schafsrasse hat ihr hübsches Schneckengehörn schon über die Weiden des Mittelalters geschoben, wäre aber wohl längst ausgestorben, wenn sie nicht in ein paar Zoos und im Museumsdorf weiter gezüchtet worden wäre.

Jetzt könnt ihr einfach mal ans Gatter treten und die Augen schließen. Was hörte man in einem mittelalterlichen Dorf? Mä-ähä, jede Menge Gemecker. Und wie roch es? Mmh - nach Elenas Schweinekacke.

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