Zeitung Heute : "Tiergedichte": Eintagsratte

Peter Köhler

Kinder und Komiker mögen Tiere. Man denke nur an Häschen und Teddybären oder Christian Morgensterns Raben Ralf, das Mondschaf und die Auftakteule in den "Galgenliedern". Einer solchen verspielten Phantasie entstammt auch die Menagerie des Poeten und Zeichners F.W. Bernstein. Neben Hund und Schaf tummeln sich in ihr Nachthabicht und Kammerbär, die Eintagsratte und das Keinhorn: eine Wunderwelt, in der ein "Pü Reh" wiehert, Elenetten und Klarifanten musizieren, ein Tiger mit Zittern und Zagen daherkriecht und die Wüstenkröte im Meer lebt, weil sie ja sonst verdursten müsste. Bernsteins Kreaturen sind gegen die Konvention gebürstet. So behalten seine "Merkwürdigeschöpfe" anders als bei traditionellen Vermenschlichungen und symbolträchtigen Vereinnahmungen ihre komische Fremdheit. Die zoologische Wirklichkeit verwandelt Bernstein in Sprache und Grafik von ganz eigenen Gnaden. Er macht eine Maus, die zum Wort werden will, zur Sau, und ein Hund ist Bild mit der angenehmen Folge: "Bild bellt nicht; scheißt nicht". Gleichwohl scheint, ähnlich wie bei Morgenstern, überraschend und trickreich die faktische Welt durch - etwa in der ungewöhnlichen Frage, ob die Wachtel zur Weltmacht tauge. Tut sie nicht: "Die Wachtel ist nur friedlich,/ rundlich und unendlich niedlich;/ sie erweckt nur Sympathie./ Weltmacht Wachtel wird sie nie!" So tritt im komischen Blick auf die Tierwelt wahre Menschlichkeit zu Tage.

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