Zeitung Heute : Tierisches Posieren gucken

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Mitten in Berlin: Die Dramen der Natur. Das wilde Leben von verliebten Affen, frechen Spinnen, schwermütigen Walfischen und anderem Getier. Die Jäger, die uns die Fauna ferner Länder in die Stadt brachten, kamen nicht mit Pfeil oder Flinte, sie robbten sich mit ihren Kameras an die Objekte der unstillbaren Gier nach ihrem Kick. Klick!

Unter blitzenden Bugatti, Skoda, VW & Co. sieht sich der neugierig flanierende Herr Rentner unvermutet einer ziemlich sensationellen Foto-Schau gegenüber. Sie ist die Auslese des Londoner Wettbewerbs „Photographer of the Year 2004“ – die 90 besten Motive von 18 500 Einsendungen aus über fünfzig Ländern. In dieser Jury hätte ich nicht sitzen mögen. Da verdient fast jeder Schuss seinen Preis. Die zarte Libelle beim Aufwärmen in der Morgensonne. Coole Wisente. Neugierige Wölfe. Zarte Rehe. Sonnenauf- und -abgänge. Riesig vergrößert: die Köpfe von zwei Weißkappen-Albatrossen. Er geht mutig ran, sie ziert sich noch ein wenig, aber das wird sich sicher bald ändern, wie dem Herrn Rentner die Erfahrung seiner diffusen Erinnerung sagt.

Den 1. Preis hat sich der „Naturfotograf des Jahres 2004“, Doug Perrine, unter Wasser und mit einiger Lebensgefahr verdient: Die Hai-Attacke auf einen kugelförmigen Sardinenschwarm, das große Fressen, mit einem 14-mm-Objektiv in einer achthundertstel Sekunde eingefangen. Das Schöne in der Ausstellung ist, dass die technischen Daten mitgeliefert werden. So kann jeder auch mal versuchen, seinen Steppenwolf vors Objektiv zu kriegen.

Wissen Sie, was mich total gefreut hat? Dass diese Super-Profis vielfach noch ganz traditionell wie vor 50 Jahren ihren Film einlegen, die Tiefenschärfe regulieren, draufdrücken und später dann das Ganze entwickeln, um zu staunen, was da drauf ist. Diese Spannung, wenn unsereins seinen Film vom Fotoladen holt und in die Tüte linst, ist unersetzlich, da können sie mit so viel digitalen Mega-Pixeln kommen wie sie wollen. Er bleibt mein Freund, der gute alte Rollfilm-Fotoapparat.

Automobilforum Unter den Linden 21 / Friedrichstraße, Mo.-Fr. 9 bis 20, Sa./So. 10 bis 18 Uhr, noch bis 13. 3., Eintritt frei.

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