Zeitung Heute : Tierlieb sein

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

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Als ich die Giraffe mit dem Hinweisschild „Zoo“ am Hochhaus gegenüber dem Bahnhof erblickte, fühlte ich mich in Berlin sofort zu Hause. Ich liebe Zoologische Gärten! Ich bin in Basel aufgewachsen, und der „Zolli“ ist das Herz der Stadt. Schon bevor ich krabbeln konnte, kannte ich alle „Zolli-Tierli“ beim n. Sogar die Okapis, die Zwergnilpferde und die Chinchillas.

Natürlich wünschte ich mir ein Haustier. Aber meine Mutter sagte: „Du hast eine Schwester.“ Immerhin ist mein Schwesterlein am selben Tag wie das Zwergnilpferd-Baby im Zolli zur Welt gekommen. Das tröstete mich ein bisschen. Ich habe sie (die Schwester) viele Jahre „Nili“ genannt.

Mein Freund Dani war ein Glückspilz. Er war Einzelkind und bekam von seinen Eltern zwei lustige Weichpanzerschildkröten zu Weihnachten. Eine große Dicke und eine kleine Dünne. Am liebsten badete er sie gemeinsam in einem roten Plastikbecken. Ich war sehr neidisch. Doch kurz vor Silvester war die dicke Schildkröte plötzlich noch viel dicker und die dünne weg. Die Dicke hatte sie zum Frühstück gegessen. Seit diesem Tag hatte ich nur noch die Tiere im Zolli lieb.

Viele meiner Bekannten können das nicht verstehen. Sie hassen Zoos: „Gefängnisse! Tierquälerei!“ Und meine Ex-Freundin behauptete gar, meine Leidenschaft für den Zolli sei „symptomatisch für meine Entfremdung von der Natur“. Nur wenn sie hinter dicke Gittern gesperrt seien, könne ich eine Beziehung zu Tieren aufbauen. Das sei „typisch für emotional gehemmte Männer“. Sie beschäftigte sich mit Psychologie und studierte an der Universität Basel. Ihren Kater hat sie antiautoritär erzogen. Der fühlte sich vernachlässigt, und kackte nachts regelmäßig in die Badewanne. Morgens beim Duschen war das nicht schön. Zolli-Tierli tun so was nicht, da bin ich ganz sicher. Es ist einfach besser, die Betreuung von Tieren Profis zu überlassen.

Voller Vorfreude lief ich also am Sonntag in den Berliner Zoo. Der Pandabär ist prima. Doch gleich neben seinem Käfig ist ein großer Teich, in dem dicke, silberne Karpfen mit dem Bauch nach oben schwimmen. Der Teich riecht nach Jauche. „Beim Sturm ist ein Baum ins Wasser gestürzt und hat den ph-Wert des Teichs verändert“, erklärte mir ein Zoowärter. Okay, das kann passieren. Aber in Basel hätten sie die Leichen wenigstens aus dem Wasser gefischt.

Ich habe den Verdacht, der Berliner Zoo ist gar kein richtiger Zolli. Er ist eine Schule fürs Leben. Und fürs Sterben. Wahrscheinlich suchen aus diesem Grund manche Tiere Zuflucht in der Religion. Die Giraffen wohnen in einer Moschee.

Vor allem lässt sich hier Gelassenheit lernen: Man folgt den Wegweisern Richtung Känguruh und kommt beim Biber raus, oder bei den Löwen, oder – sehr häufig – bei Niemandem. Die Tiere ziehen offenbar ständig um. Und eine ganze Menge Käfige stehen leer. Faszinierend, wie sich die Großstadt Berlin in ihrem Zoo spiegelt: Die vielen Freiräume. Die Dinge passieren spontan oder gar nicht. Alles ist im Umbruch. „E bitzeli unheimlich“, kann ich da nur sagen. Wahrscheinlich kaufe ich mir morgen einen Hamster. Till Hein

Zoologischer Garten Berlin, täglich 9 -18 Uhr.

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