Tierschutz : Pullis für Pinguine

Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Foto: Tagesspiegel

Kein Wort zum heutigen Datum. Nur so viel, dass dieser Tag eher nicht ausfällt, er ist nur verkürzt, das aber schon aus Tradition. Am Mittag steht die Sonne am südlichen Wendekreis im Zenit und geht am nördlichen Polarkreis tagsüber erst gar nicht auf. Der kürzeste Tag des Jahres ist erreicht, ab heute ist fürs erste Winter. Bei uns. In Australien hingegen ist Sommer. Da mag es erstaunen, dass dort, in Melbourne, in diesen Tagen ein Container voller Strickwaren aus Europa angekommen ist. Das Erstaunen hält indes keinem zweiten Blick stand. Es löst sich schnell auf, wenn man bedenkt, wer und was im Allgemeinen bestrickt wird: Kinder, Väter, Mütter, Klopapierrollen, Eierbecher, Königspudel, Rauhaardackel, Chihuahuas und, ja warum denn nicht, Pinguine. Pinguine leben schließlich überwiegend in extremen Kältezonen. Die Pinguine von Phillip Islands zwar nicht, die leben etwa 80 Kilometer Luftlinie südöstlich von Melbourne, Pullover bekommen sie aber trotzdem. Und zwar präventiv, weil man nie wissen kann, was alles passiert. So wie der heutige Tag bis zum Abend immer noch ausfallen kann, könnten ja auch Pinguine mal frieren.

Frau Angelika Regenstein, Leiterin eines Reisebüros in Hamburg, las unlängst eine Meldung über mögliche Nöte der Pinguine auf Phillip Islands. „Ich bin dann sofort losgelaufen und habe mir Strickzeug gekauft“, erzählt sie heute.

Und hat gestrickt. Und hat andere aufgerufen, es ihr gleichzutun und auch zu stricken. Und nun lagern in einem Naturpark bei Melbourne 40 000 handgestrickte Pullis, Pinguin-Pullis. Neben dem Schutz vor Kälte haben die Pullover noch einen lebenserhaltenden Zweck. Im Falle einer Ölkatastrophe um das Eiland herum, hüpfen die Pinguine flugs an Land, ziehen sich die Pullis über und können sich dann nicht mehr vergiften, wenn sie ihr Gefieder vom Öl befreien wollen. Auch schützt ein ölverschmiertes Gefieder nicht annähernd so gut vor Wind und Nässe wie ein ordentlicher Norwegerpullover. Gottlob ist Phillip Island bislang von einer Ölpest verschont geblieben. Es gibt noch keine Erfahrungswerte, ob so ein klitschnasser Norwegerpulli die Vögel beim Schwimmen nicht arg behindert oder gar in die Tiefe zieht. Auch weiß man wenig, was mit dem Öl geschieht, das im Falle einer Ölkatastrophe im Gefieder der Pinguine klebt, saugen die Pullover es auf? Aber muss man alles wissen? Gestern wussten wir schließlich auch nur eines gewiss, was den heutigen Tag anging: Winter ist’s, die Tage werden wieder länger.Helmut Schümann

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