Zeitung Heute : Tinte direkt von der Festplatte

WOLFGANG TRESS (Tsp)

In der Sportabteilung des J.C.-Kaufhauses in der US-Stadt Marlborough tauscht keiner der Angestellten mehr die Sonderpreis-Plakate aus. Wie von Geisterhand wechseln die von der Decke hängenden hauchdünnen Werbeflächen selbständig ihre Aufschrift. Wo gerade noch neue Tennisschläger angepriesen wurden, ist nun ein Angebot preiswerter Fußbälle zu lesen. In Zukunft sollen diese Plakate in allen Filialen der Kaufhaus-Kette eingesetzt werden. Preisveränderungen und neue Angebote können so einheitlich, vor allem ohne Druck- und Verteilungsaufwand, landesweit koordiniert werden.

Was wie aus einem Zukunftsroman klingt, ist in Amerika dank eines kleinen Unternehmens mit dem Namen E-Ink längst Realität. Zwar ist die Idee eines papierartigen, elektronischen Displays nicht neu, aber erst jetzt ist daraus ein vermarktungsfähiges Produkt geworden. Schon seit Jahren arbeiten Physiker und Techniker sowohl in den Zukunftslabors des Massachusetts Institute of Technology (MIT), als auch aus Xerox Parc in Palo Alto, am elektronischen Papier mit zugehöriger Tinte. Mit dem Unternehmen E-Ink macht ein kommerzieller Ableger des MIT jetzt das Rennen vor den Konkurrenten.

Das Papier besteht aus einer dünnen Schicht weichen Plastiks, welches winzige Ölkapseln enthält. Darin schwimmen schwarze und weiße, elektrisch geladene Pigmentteilchen. Wird an der Unterseite eine elektrische Spannung angebracht, richten sich die Teilchen je nach Ladung aus und zeigen mal eine weiße, mal eine schwarze Oberfläche. So läßt sich unter anderem Schrift darstellen, die der Drucktechnik von der Auflösung her ebenbürtig, bei weiterer Entwicklung sogar überlegen sein könnte. Sind die Farbteilchen in den Seiten erst einmal ausgerichtet, ist keine weitere Energiezufuhr mehr nötig, um das Zeichenmuster aufrecht zu erhalten. Erst bei erneuter Ladung wird der alte Zustand überschrieben. Versuche ergaben bis zu 100 Millionen Neubeschreibungen ohne Qualitätsverlust.

Das elektronische Papier vereinigt Eigenschaften des herkömmlichem Papiers, wie hohe Auflösung, geringes Gewicht, Flexibilität und gute Lesbarkeit mit der Fähigkeit elektronischer Displays. Joe Jacobsen vom MIT betrachtet die technischen Fragen als gelöst. Für ihn kommt es jetzt nur darauf an, daß das neue Medium von den Menschen akzeptiert und verbreitet wird. Vielleicht wird das papierlose Büro also doch irgendwann zur Realität. Tsp

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