TIPPS : Mit Schere und Augenmaß

Der richtige Schnitt zur rechten Zeit fördert bei Gehölzen den Wuchs von Blüten- und Fruchttrieben

Waltraud hennig-krebs

Ziergehölze entfalten nur dann ihre volle Schönheit, wenn sie gut gepflegt werden. Und dazu gehört auch das Entfernen überflüssiger Zweige oder Äste. Ein erfahrener Gärtner führt dabei Schere und Messer mit Augenmaß. Er verjüngt mit dem richtigen Schnitt, formt, lenkt Saftströme, fördert Blütenreichtum und Fruchtsegen.

Doch für die meisten Anfänger ist es schwer zu beurteilen, wann und wie oft ein Gehölz eingekürzt oder ausgelichtet werden sollte. Wer es dennoch wagt, sollte wissen, dass ein starker Rückschnitt erst einmal einen starken Austrieb zur Folge hat. Das bedeutet zwar eine Verjüngung, aber Blüten oder Früchte lassen auf sich warten. Solch einen gründlichen Schnitt sollte man sich nur alle drei bis fünf Jahre antun, aber es muss sein. Denn fest steht: Gestutzte Gehölze blühen reicher und tragen mehr Früchte als ungehindert wachsende. Diese Erkenntnis hat Gärtner auch dazu bewogen, das Schneiden und Formen von Gehölzen zu perfektionieren. Und so unterscheiden Fachleute zwischen dem Erziehungsschnitt in der Jugend, dem Pflege-, Form- und dem Verjüngungsschnitt.

Doch zuallererst erfolgt vor dem Ein- oder Verpflanzen der sogenannte Pflanzschnitt. Sträucher mit festen Baumschulballen werden kaum zurückgeschnitten, Koniferen und Rhododendren gar nicht. Bei Wurzelware – also bei Pflanzen ohne Ballen – werden die Triebe mindestens um ein Drittel gekürzt, abgeknickte oder verletzte entfernt.

Der Schnitt und richtige Aufbau in der Jugend entscheiden darüber, dass beispielsweise aus einem Sämling des Eschenahorns (Acer negundo) ein stattlicher Baum und aus dem des Feldahorns (Acer campestre) eine Heckenpflanze wird. Der erste wird sorgfältig aufgebunden, damit der Spitzentrieb gerade wächst. Ist die Pflanze ausreichend hoch, werden alle Triebe entfernt – bis auf den Spitzentrieb und die drei oder vier obersten Seitenzweiglein. Behutsame Korrektur lässt aus ihnen eine schöne, gleichmäßige Krone entstehen. Ist das geschehen, darf der Baum ungestört wachsen. Erst mit zunehmendem Alter muss regelmäßig kontrolliert werden, ob einzelne Äste bruchgefährdet sind.

Auch bei der künftigen Heckenpflanze soll der Spitzentrieb gerade wachsen. Aber in der richtigen Höhe angekommen, stoppt der Schnitt das Längenwachstum, bremst die Seitentriebe und zwingt sie, sich zu verzweigen. So entstehen die vielen kurzen Zweige bis hinunter zur Erde, die die dichte Oberfläche der Hecke formen. Bei ihr geht der Erziehungsschnitt in der Jugend nahtlos in den jährlichen Formschnitt über. Das gleiche Prinzip, durch Erziehungsschnitt die Form vorzugeben und anschließend durch alljährlichen sauberen Formschnitt zu erhalten, macht aus Ilex Kugeln sowie aus Buchsbaum und Eibe Spiralen und Fabelwesen.

Beim Pflegeschnitt wird sehr viel differenzierter eingegriffen als beim Formschnitt. Er verfolgt das Ziel, das Wachstum kräftiger Triebe zu bremsen und in die Blütenentwicklung umzuwandeln. Der Rosenschnitt ist typisch für diese Schnittvariante. Er entfernt schwaches Holz und kürzt kräftige Triebe ein. So wird die Kraft der Pflanze konzentriert. Die verbleibenden Knospen, die Augen, werden besser ernährt. Die aus ihnen entstehenden Triebe sind stärker und entwickeln alle vorhandenen Blütenanlagen.

Wie die Rose reagieren auch Clematis, Blauregen (Wisteria), Obstgehölze und viele der Kübelpflanzen mit größerer Blühfreude auf den Pflegeschnitt. Was dabei passiert, lässt sich an Fuchsien gut beobachten. Jeder Fuchsientrieb kann an seiner Spitze zwei, selten drei Blüten entwickeln. Wird im Vorfrühling die Spitze ausgeknipst, treibt der Trieb aus den nächstliegenden Blattachseln aus. Statt des einen Triebs gibt es zwei, statt der zwei Blüten können vier entstehen. Wird wiederum gestutzt, können vier Triebe mit acht Blüten wachsen – die entsprechende Ernährung vorausgesetzt.

Während der Pflegeschnitt alljährlich erfolgt, gilt für den Verjüngungsschnitt ein Rhythmus von mehreren Jahren. Vor allem die robusten Ziersträucher wie Forsythie, Flieder, Deutzie und Kerrie hält er jung. Nachlassende Blühfreude signalisiert den richtigen Zeitpunkt. Entfernt werden die dicken, alten, vergreisten Triebe. Junge, starke Triebe bleiben erhalten, werden aber ein Stück weit eingekürzt, damit der Strauch sich kräftig von unten her neu aufbaut.

Die typischen Arten frei wachsender Hecken wie Haselnuss, Falscher Jasmin und Hartriegel können sogar komplett bis ein oder zwei Handbreit über dem Erdboden zurückgeschnitten werden. Zwar sieht das zu Anfang erschreckend aus. Die Sträucher treiben aber vital aus und füllen die entstandenen Lücken.

Bei Frühjahrsblühern erfolgt der Pflegeschnitt meist im Januar und kann bis in den Juni je nach Pflanzengattung geschehen. Fleißige Hobbygärtner machen diese Arbeit bereits im Herbst nach dem Laubfall. Durch den Pflegeschnitt wird erreicht, dass Licht und Luft in den Strauch kommen. Entfernt werden alle Triebe aus dem Inneren der Pflanze. Der Schnitt muss glatt und sauber sein. Denn über ausgefranste Ränder oder große Schnittflächen können leicht Krankheitserreger eindringen. Zur Not muss mit einem Messer nachgeschnitten werden. Wundverschlussmittel sind im Fachhandel zu bekommen.

Im Gegensatz zu den Frühjahrsblühern entwickeln die im Sommer blühenden Gehölze die Blüten am diesjährigen, also noch wachsenden Trieb. Wer einen üppigen Blütenflor haben möchte, sollte ab Juni alljährlich einen kräftigen Rückschnitt machen. Das vertragen jedoch nicht alle Sommerblüher. Ausnahmen sind beispielsweise Rosen oder auch der Schmetterlingsstrauch.

Sind die Kletterpflanzen zu üppig geworden, sind Frostschäden aufgetreten oder drohen sie zu vergreisen, werden sie ausgelichtet. Das geschieht je nach Zeitpunkt der Blüte. Vor der Blüte werden beispielsweise Knöterich, Clematis-Hybriden und auch der Baumwürger (Celastrus), nach der Blüte Bergwaldrebe, Winterjasmin, Kletterhortensie, das echte Geißblatt oder auch die Heckenkirsche geschnitten.

Eine Sonderbehandlung bekommt die Wisterie: Im Sommer werden die jungen Triebe auf etwa 15 Zentimeter eingekürzt und im Winter auf zwei bis drei Augen zurückgeschnitten.

Gehölzschnitte sind nichts Unnatürliches. Schon immer mussten Pflanzen mit dem Stutzen durch gefräßige Mäuler, durch Frost, rauen Wind oder Hochwasser fertig werden. Und Pflanzen, die solch natürlichen Vorgängen nicht ausgesetzt sind, werden krankheitsanfälliger, wenn kein Rückschnitt erfolgt.

Geraten frei wachsende Gehölze aus der Form oder werden sie zu groß, hilft behutsames „Drücken“. Dabei werden Hauptzweige auf einen Seitenzweig zurückgeschnitten. Das hat nicht nur den Vorteil, dass der Schnitt kaum auffällt. Der Saftstrom wird auch gebremst und in den dünneren Zweig umgelenkt. Schneidet man dagegen auf ein Auge zurück – wie beim Rosenschnitt – wird der Saftstrom jäh gestoppt und die Augen werden zum kräftigen Austrieb angereizt. Die Pflanze wächst rasch wieder in die alte Form oder sogar darüber hinaus.

Was den Zeitpunkt betrifft, so sollte das Schneiden generell während der Ruhephase der Pflanze erfolgen. Denn an einem blattlosen Strauch arbeitet es sich wesentlich leichter, weil man vorausschauend planen kann, wo und wie viel geschnitten werden muss, damit sich das natürliche Erscheinungsbild nicht allzu sehr verändert.

Doch keine Regel ohne Ausnahmen. Denn nicht alle Gehölze müssen geschnitten werden: Japanischer Ahorn, Zaubernuss, Magnolie oder Rhododendron wachsen auch ohne Schnitt perfekt. Die Schere tritt bei ihnen lediglich in Aktion, um kranke und abgestorbene Triebe zu entfernen. (mit dpa)

Der Schnitt. Für einen guten Schnitt muss die Schere scharf sein, denn nur glatte „Wunden“ verheilen sauber. Äste werden auf „Astring“ geschnitten. Der Schnitt liegt vor dem Ansatz des Astes.

Erziehungsschnitt. Mit diesem Schnitt wird beim Jungbaum der Aufbau einer stabilen, der jeweiligen Situation angepassten Baumkrone gefördert. Dabei wird auf einen ausgewogenen Aufbau, die Stabilität der Astansätze sowie die zu erwartende spätere Ausdehnung der Krone geachtet, so dass später eine schöne, gleichmäßige Krone entsteht. Kontrolliert wird erst wieder mit zunehmendem Alter.

Pflegeschnitt. Er verfolgt das Ziel, das Wachstum kräftiger Triebe zu bremsen.

Zeitpunkt. Als Faustregel gilt: Pflanzen, die am einjährigen Holz blühen, werden im Frühjahr geschnitten. Für die anderen liegt der Zeitpunkt nach der Blüte. Tsp

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