Zeitung Heute : Titan ohne Titel

Im Tor stand ein anderer, und er saß auf der Bank. Dennoch war Oliver Kahn bei dieser WM so präsent wie ein Hauptdarsteller. Heute spielt er doch noch. Ein bittersüßes Ende

Stefan Hermanns

Im emotionalsten Moment dieser Weltmeisterschaft hat Oliver Kahn ganz einfach die Ruhe behalten. Jens Lehmann hatte gerade im Elfmeterschießen gegen Argentinien den zweiten Elfmeter gehalten. Alle Ersatzspieler flitzten von der Seitenlinie Richtung Lehmann, Kahn blieb am Rand zurück. Er drückte Adolf Katzenmeier, den Masseur der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, und beglückwünschte die beiden Zeugwarte Manfred Drexler und Thomas Mai. Wenn man böse wäre, könnte man sagen: Masseure und Zeugwarte, das ist jetzt die Gesellschaft, in der Oliver Kahn sich bewegt. Jürgen Klinsmann, der Bundestrainer, sagt: „Oliver hat eine maßgebliche Rolle im Hintergrund gespielt. Je weiter die Mannschaft kommt, desto größer wird sein Anteil daran sein.“

Wenn heute in Stuttgart mit dem Spiel um Platz drei für die deutsche Nationalmannschaft die WM zu Ende geht, wird Kahn sein 86. Länderspiel bestreiten. Es ist so etwas wie Ironie, dass die Nationalmannschaft ihr großes Ziel erst verpassen musste, damit der 37 Jahre alte Torhüter doch noch zu seinem ersten WM- Einsatz kommt. Das Spiel um Platz drei ist nicht das Ende, das sich die Deutschen erhofft hatten, und es ist auch nicht das Spiel, mit dem Kahn seine Karriere in der Nationalelf beenden wollte. Sein Plan sah anders aus, und um ihn zu verstehen, muss man die Vorgeschichte kennen.

Die Vorgeschichte spielte vor vier Jahren bei der WM in Asien. Kahn hielt alles, was zu halten war, die Boulevardpresse titanisierte ihn, und als niemand mehr daran glaubte, dass Kahn noch von dieser Welt ist, unterlief ihm ein sehr weltlicher Fehler. Es war die 67. Minute des Finales, das die Deutschen ohne Kahn gar nicht erst erreicht hätten. Aus dem Mittelfeld flog ein Schuss auf sein Tor, Kahn stürzte nach vorne, der Ball prallte an seine Brust und von dort vor die Füße Ronaldos. Der Brasilianer schoss das 1:0, die Deutschen hatten das Endspiel verloren. Seit diesem Moment wusste Kahn, wie die Geschichte ausgehen würde: Vier Jahre später, bei der WM im eigenen Land, würde er sich den Titel holen und dann von der großen Bühne abtreten. „Nach der Systematik meiner Karriere ist es eigentlich logisch gewesen, 2006 Weltmeister zu werden“, hat er während der WM erzählt. „Erst die Niederlage, aufrappeln, daraus lernen – um dann doch zu gewinnen. Das ist ein bisschen wie in Hollywood.“

Der Plan ging nicht auf, weil Regisseur Jürgen Klinsmann für Kahn nur eine Nebenrolle vorgesehen hatte. Trotzdem ist Kahn in diesem WM-Sommer so präsent gewesen wie ein Hauptdarsteller. In München hechtet ein 65 Meter großer Kahn über die Flughafenautobahn, es gibt Kahn als Fußballsammelbildchen, Lehmann nicht. Kahn fliegt im Werbespot einer Brauerei durch die Luft, er steht auch in der Kampagne seines Ausrüsters im Tor. Als die Werbeagenturen lange vor der WM ihre Storyboards präsentierten, scheint sich niemand vorgestellt zu haben, dass der Torwartstreit mit einem Sieg des Herausforderers Jens Lehmann enden könnte.

Das schlimmste Spiel für Kahn war das Eröffnungsspiel in München. „Warum bin ich hier? Warum spiele ich nicht?“, hat er sich gefragt. Als die Mannschaft ins Stadion kam, stand Thomas Gottschalk, Moderator der Eröffnungsfeier, an der Seitenlinie. Marcell Jansen, Lukas Podolski und David Odonkor gingen hin, drückten ihm die Hand und freuten sich, einen Star getroffen zu haben. Kahn begrüßte Gottschalk wie einen alten Bekannten.

Michael Ballack hat über seinen Vorgänger als Kapitän der Nationalelf gesagt: „Er spielt eine ganz wichtige Rolle, auf ihn schaut die Mannschaft.“ Das ganze Land hat auf Kahn geschaut, es wollte wissen, wie Kahn mit der neuen Situation umgeht, und es hat Bilder gesehen, die so gar nicht passen wollten in die allgemeine Sommer-Sonne-Jubelstimmung. „Ich bin auch nur ein Mensch“, sagt Kahn. Sein Menschsein sah so aus, dass er oft am Ende der Ersatzbank hockte und mürrisch dreinblickte. Wenn die Mannschaft nach ihren Siegen auf dem Feld feierte, trottete Kahn mit deutlichem Abstand und den Händen in den Taschen hinterher. Am Dienstag, nach der Niederlage im Halbfinale ging er auf Socken vom Platz, mitten in der Ehrenrunde der deutschen Mannschaft.

„Er hat nie schlechte Laune verbreitet“, sagt der 20 Jahre alte Marcell Jansen, der bei der WM genauso oft gespielt hat wie Kahn. „Er hat versucht, uns jungen Spielern noch einen Schub zu geben.“ Es zählt zu den Paradoxa in der Karriere des Oliver Kahn, dass er für seine grandiosen Leistungen und seine Erfolge zwar respektiert wurde; so etwas wie echte Zuneigung aber hat das Volk nie empfunden für diesen Sonderling. Die bekommt Kahn erst jetzt als Ersatztorhüter für sein untadeliges Verhalten. „Früher war ich wahnsinnig geeicht auf Erfolg, und jetzt entsteht auf einmal ein Respekt, den man mit Titeln anscheinend nicht bekommen kann“, sagt Kahn. „Das ist etwas sehr, sehr Positives, das ich so nicht kannte.“

Kahns größte Geste war im Viertelfinale zu sehen. Zwischen Verlängerung und Elfmeterschießen ging er zu Jens Lehmann. Kahn hockte sich zu ihm, legte ihm den linken Arm um die Schulter und schlug mit der rechten Hand ein. „Es ist eine wunderschöne Geschichte, wie die beiden miteinander umgegangen sind“, sagt Jürgen Klinsmann.

Oliver Kahn ist vor und während der WM nur bei einer einzigen Pressekonferenz aufgetreten. Bei dieser Gelegenheit lobte er ausdrücklich die Leistung seines Konkurrenten, und dann wurde er noch gefragt, ob er sich denn vorstellen könne, mit Lehmann ein Bier trinken zu gehen. Seine Antwort war nur mit viel Wohlwollen als Zustimmung zu werten: „Jens Lehmann ist in seiner eigenen Welt und nicht groß in Stimmung, mit irgendjemand ein Bier zu trinken.“ Am nächsten Tag kam Lehmann, und ein Journalist wollte von ihm wissen, ob er das Angebot von Oliver Kahn, ein Bier mit ihm zu trinken, denn annehme. Lehmann sagte: „Bitte haben Sie Verständnis, dass ich mich so kurz vor dem Spiel mit solchen Dingen nicht beschäftigen kann.“

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