Zeitung Heute : Tobey, der Zukunft zugewandt

Der junge Tenor mag Nationalhymnen, am liebsten die deutsche. Tobey Wilson singt sie oft vor Länderspielen. Zur WM hat er mit Sydney Youngblood, Roque Santa Cruz und Rolando Villazón eine ganze Hymnen-CD aufgenommen. Für den 28-Jährigen aus Chemnitz keine große Sache: Er war schon vor seiner Geburt einem Chor versprochen.

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Nationalhymne? Damit hat Tobey Wilson gar kein Problem. Im Gegenteil, gerade hat der junge Tenor eine eigene CD aufgenommen mit den 32 Hymnen der an der WM teilnehmenden Länder. Eine bisweilen recht kämpferische Angelegenheit, wie ein Blick in das Begleitheft zu der Hymnen-CD zeigt. Viele Hymnen-Texte bewegen sich an der Grenze der Blutrünstigkeit. Da nimmt sich das deutsche „Einigkeit und Recht und Freiheit“ vergleichsweise harmlos aus, und Tobey Wilson findet den Text auch völlig in Ordnung. „Ich sehe keine Veranlassung, dabei nicht meine Hand aufs Herz zu legen“, sagt er.

Mitgeholfen bei dem Projekt hat sein weitläufiger Freundes- und Bekanntenkreis. Rolando Villazón singt die mexikanische Hymne, Moderator Björn Casapietra die italienische, der Endachtzigerjahre-Dancepopper Sydney Youngblood die amerikanische, Schlagerstar und Winnetou-Komparsin Dunja Rajter die kroatische und Bayern-Schönling Roque Santa Cruz die paraguayanische. „Der kann wirklich gut singen“, sagt Wilson. Der 28-Jährige selbst hat die deutsche Hymne gesungen, wie schon oft bei Länderspielen. Als er einmal die brasilianische Hymne singen sollte, suchte er gesungene Vorlagen, um den Text möglichst originalgetreu einzustudieren. Solche Vorlagen sind aber kaum zu finden, deshalb hat er seine gesamten Ersparnisse in dieses CD-Projekt gesteckt und es in den ersten Monaten des Jahres relativ kurzfristig verwirklicht.

Schon vor seiner Geburt in Chemnitz, das damals noch Karl-Marx-Stadt hieß, stand fest, dass er entweder zu den Thomanern oder in den Dresdner Kreuzchor gehen sollte. Sein Vater war Kirchenmusiker, der Großvater, Siegfried Rapp, war in der DDR als einarmiger Pianist berühmt. Da die Familie vier Jahre später ausreisen konnte, wurde es schließlich der Windsbacher Knabenchor, in dem der kleine Junge, der damals noch Tobias hieß, seine Karriere begann. Schon früh sang er Solo-Partien. Arbeitete mit großen Orchestern zusammen. Mit 17 gewann der den Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“. Die Zusammenarbeit mit bekannten Dirigenten sei vielleicht zu früh gekommen, sagt er heute nachdenklich. Er sieht sich selber nämlich durchaus als rebellischen Typen, der sich nicht alles sagen lassen will. Statt dem Benimmkodex der Klassikwelt zu gehorchen, hat er sich lieber in Jeans und Lederjacke auf die Bühne gestellt und klassische Lieder mit einer Orchesterkonserve vorgesungen. Das gehört sich unter Klassik-Künstlern gar nicht. „Aber mir gefällt es, wenn dann hinterher die 13-Jährigen kommen und fragen, was das denn für ein geiles Lied war.“

Wer derart subversive Vorlieben hegt, fühlt sich natürlich auch in Fußballstadien wohl – und zwar auch noch lange, nachdem die letzten Töne der Hymne verklungen sind. Ein bisschen enttäuscht ist Wilson aber schon darüber, dass die Hymnen bei der WM nicht live gesungen werden. Er hatte dafür sogar ein Konzept geschrieben, aber die Fifa hat es abgelehnt. Wilson ist ein Mann, der sagt: „Ich bin so, wie ich bin. Wem das nicht passt, der braucht mich nicht zu engagieren.“ So wirkt er trotz seines hübschen Äußeren eher eckig und kantig. Verpoppte Klassik könnte seine Zukunft bestimmen. Aber vielleicht macht er noch mal eine Hymnen-CD. In zwei Jahren ist schließlich EM.Elisabeth Binder

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