Zeitung Heute : Tod eines Läufers

Der Tagesspiegel

Von Robert Hartmann

Hamburg. Der letzte, tiefe Eindruck beim Hamburger Stadtmarathon waren die Tränen des Veranstalters Wolfram Götz. Auch er stand noch unter dem Eindruck eines festlichen Sonntagvormittags, als weit über eine halbe Million fröhliche Zuschauer den 42,195 km langen Weg der knapp 20 000 Läufer und Inline-Skater säumten, und dann bekam er die Nachricht vom Tod eines Läufers. Der junge Mann, dessen Alter zunächst mit 20 und später mit Ende 20 angegeben wurde, hatte das Ziel an den Messehallen erreicht, als er auf dem Weg zum Sanitätszentrum kollabierte und Wiederbelebungsversuche vergeblich waren. Der Tod gehört zum Marathon. Statistiker erklären in Tabellen, wie oft er eintrifft, glücklicherweise sehr selten; aber wann immer er in die lärmende Gesellschaft der Bewegungssüchtigen einbricht, relativiert er das Geschehen.

Und so waren die Siegerzeiten von 2:10:17 Stunden durch den Kenianer Christopher Kandie und 2:26:21 Stunden durch Sonja Oberem aus Leverkusen kein Thema. Selbst das groß angekündigte Debüt Dieter Baumanns geriet zur Nebensache.

Baumann gibt auf

Der 37 Jahre alte frühere 5000-m-Olympiasieger gab nach 35 Kilometern auf. Wie vorgesehen hatte er die Halbmarathonmarke nach 65:02 Stunden passiert, und während er noch „den Eindruck hatte, alles ist gerichtet“ für die angepeilte Endzeit von rund 2:10 Stunden, verließ seine Ehefrau und Trainerin Isabelle ein Begleitfahrzeug und strebte einer U-Bahn-Station zu: raus aus der Hektik und eintauchen in die Menge, die innere Gelassenheit suchen.

Bei Kilometer 32 bemerkte Baumann ein Ziehen im Oberschenkel, und er sagte sich, er müsse jetzt engagierter rennen. Gesagt, getan, und was geschah: Er wurde langsamer, und je mehr er auf die Tube drückte, umso mehr Fahrt verlor er. „Es hat nicht unbedingt wehgetan,“ erzählte er, „ich war ganz klar bei Sinnen." Keine „Wand“, an der er abprallte, von der die Marathonläufer gern erzählen, keine Atemlosigkeit, nur dies: „Die Energie war nicht mehr da.“ Der Prozess des Verlustes an Tempo, von 3:06 auf 4:00 Minuten pro Kilometer, vollzog sich schleichend und unaufhaltsam. Der Mann, der seit frühester Jugend läuft, konnte sich keinen Reim mehr auf die Handlungsweise seines Körpers machen. „Offensichtlich bin ich kein Marathonläufer. Das muss man zunächst akzeptieren. Ich kann nicht die Klasse erreichen, die ich als Bahnläufer habe. Man muss Grenzen erkennen.“ Im nächsten Jahr will er einen neuen Versuch wagen.

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