Zeitung Heute : Tod eines Models

Eine schöne Frau wird in die Luft gesprengt: Malaysia, ein Mordfall und die hohe Politik

Moritz Kleine-Brockhoff[Jakarta]

Altantuya Shaariibuu war eine schöne Frau. Feine Gesichtszüge, exotische Augen, Samthaut. Sie war schlank. Sie hatte lange Beine, grazile Finger und große Brüste. Und eine pechschwarze Mähne, fast bis zum Po. Sie war eine Frau, nach der die Männer verrückt sind.

Altantuya, sie nannte sich Anna und manchmal Aminah, stammte aus der Mongolei. Sie lernte Englisch, Französisch, Russisch und Chinesisch und wurde Übersetzerin. Nebenbei arbeitete sie als Fotomodell.

In der Nacht zum 20. Oktober 2006 wurde Anna, 28 Jahre alt, in Malaysia umgebracht. Reste einer von Sprengstoff zerfetzten Leiche werden zwei Wochen später nahe der Hauptstadt Kuala Lumpur gefunden. Es ist ein mysteriöser Fall, der das Land umtreibt. Seine Zutaten: Gewalt, Sex, Geld und Macht. Zwei Polizisten, Leibwächter des stellvertretenden Ministerpräsidenten, sollen die Frau in die Luft gesprengt haben. Laut Staatsanwaltschaft „plante und befahl“ ein Berater des Vizepremiers das Verbrechen. Dieser Berater hatte eine Affäre mit Anna, und er war von ihr erpresst worden. Die Frage ist nun, ob es so war. Oder ob doch viel mehr hinter dem Fall steckt. Denn der Berater hat sehr einflussreiche politische Freunde.

Zwei Cousinen hatten Anna vermisst gemeldet. DNA-Proben brachten die Gewissheit. Die Tote ist Anna. Getötet durch Sprengstoff, angeblich Typ C-4, eine Sorte, die eigentlich nur staatliche Stellen haben. Die Cousinen gaben an, Anna sei zuletzt zum Haus des Abdul Razak Baginda gefahren. Der Politikberater und zwei junge Polizisten stehen seit Mitte Juni vor Gericht, angeklagt wegen Mordes. Sie müssen mit der Todesstrafe rechnen.

Razaks Verwandte kommen mit beschrifteten weißen T-Shirts ins Gericht. „Frau Razak Baginda“, „Razak Bagindas Schwester“ oder „Razak Bagindas Bruder“ steht vorne drauf. Hinten drauf steht: „Und stolz darauf!“

Der Mann, den sie unterstützen, ist 46, Jahre alt, verheiratet, er hat eine Tochter. Und eine Geliebte. Ein Jahr lang vergnügt er sich mit einer Schönheit aus der Mongolei: Anna. Die beiden hatten sich wohl Ende 2004 auf einer Reise kennengelernt. Er fliegt die Geliebte nach Malaysia ein, kauft ihr Schmuck und Klamotten, er nimmt sie mit nach Europa, China, Singapur, Südafrika. Razak ist ein smarter, eloquenter Mann. Er hat in London studiert und leitet das „Malaysian Strategic Research Center“, das sich mit Sicherheitsfragen befasst. Er schreibt, er lehrt an der Uni, er tritt in TV-Talkshows auf. Und er berät regelmäßig Najib Razak, Malaysias Vizepremier, der zudem Verteidigungsminister ist. Außer seiner Ehe hat Razak einen Ruf zu verlieren. Wie lange kann die Affäre gutgehen? Razak sagt Anna, dass es vorbei sei. Doch Anna meldet sich weiter, vor allem, wenn sie Geld will. Razak gibt ihr Geld. „Zehntausende von Dollar“, sagt er. Irgendwann hat er die Nase voll.

9. Oktober 2006. Anna steht in Kuala Lumpur vor Razaks Büro. Sie hatte wieder Geld verlangt, angeblich 500 000 US-Dollar. Sie hatte gedroht, die Affäre öffentlich zu machen. Razak, so steht es jedenfalls in Annas Notizen, sagte noch einmal Geld zu. Razaks Sekretärin wimmelt sie ab, wie ihr Chef es ihr aufgetragen hat. Razak engagiert Privatdetektive, die ihm Anna vom Hals halten sollen und seine Tochter beschützen. Sie sei bedroht worden, sagt Razak. Ein Detektiv empfiehlt, Anzeige zu erstatten. Aber Razak bittet im Büro des mächtigsten Mannes, den er kennt, um Hilfe: bei Vizepremier Najib. Der hat Polizisten der Spezialeinheit UTK um sich: die Leibwächter der Regierungsspitze. Am 18. Oktober trifft Razak den UTK-Mann Azilah Hadri.

19. Oktober 2006. Plötzlich steht Anna vor Razaks Haus. Razak ruft den UTK-Polizisten Azilah an. Azilah kommt und zerrt Anna in einen roten Proton, den Wagen seiner Freundin, die am Steuer sitzt. Sie fahren zum Polizeihauptquartier und stecken Anna dort in ein anderes Auto, in einen Jeep. Ein Mann mit Baseballkappe fährt. Kurz später ist Anna tot.

Der Mann mit der Kappe war wohl Azilahs Kollege Sirul Azhar Umar. Sirul hatte sich Anfang Oktober aus dem Polizei-Waffenlager eine Maschinenpistole, einen Schalldämpfer und Munition besorgt. Begründung: eine „Spezialmission“. Ende Oktober brachte er alles zurück. Im Polizeiverhör gesteht Sirul, an dem Mord beteiligt gewesen zu sein. Später sagt er, sein Geständnis sei erzwungen worden.

Aber an seinen Schuhen klebte Annas Blut. Die Staatsanwaltschaft gibt als Todesursache Verletzungen „im Zusammenhang mit einer Explosion“ an. Sollten keine Schüsse gefallen sein, dann wurde Anna bei lebendigem Leib in die Luft gesprengt. Vieles weist darauf hin, dass die Polizisten die Mörder sind. 30 000 US-Dollar sollen ihnen geboten worden sein. Politberater Razak wurde erpresst. „Er versucht, mir Angst zu machen, versucht, mich zu töten“, schrieb Anna vor ihrem Tod.

Laut Razak spukte Polizist Azilah früh große Töne. Er habe schon viele Leute getötet und könne „das Mädchen erledigen“. Razak schwört, er habe Azilah angefleht, nichts dergleichen zu unternehmen.

Und es gibt ein Indiz, das verwirrt. Annas Einreisedaten waren von Malaysias Einreisebehörde gelöscht worden. Offiziell sah es so aus, als sei sie im Oktober 2006 gar nicht im Land gewesen. Hat ein Politberater, haben zwei Leibwächter genug Einfluss, um der Einreisebehörde die Anweisung zu geben, Daten zu löschen?

Diese Frage drängt sich auf, auch im Prozess. „Warum haben alle Beteiligten etwas mit der Nummer 2 zu tun?“, fragt Verteidiger Zulkifli Noordin und meint die Nummer 2 im Staat: Vizepremier Najib. Regierungskritiker wollen wissen, welche Rolle die Übersetzerin Anna 2002 im Verteidigungsministerium beim Kauf von französischen U-Booten spielte. Wusste sie von Korruption? Spionierte sie? „Kam der Mordauftrag, weil sie eine Gefahr für die nationale Sicherheit war?“, fragt Oppositionspolitiker Anwar Ibrahim. Er glaubt, dass Leibwächter des Vizepremiers nicht auf Anweisung „von unten“ handeln. Sondern nur auf Anweisung ihres Chefs.

„Ich habe nichts damit zu tun, Allah ist mein Zeuge“, sagt der Vizepremier. Er versichert, Anna nie getroffen zu haben. Annas Cousine sagte dagegen vor Gericht unter Eid aus, Anna habe ihr ein Foto gezeigt, auf dem Anna mit Najib beim Essen zu sehen war. Sollte dieses Foto existieren und öffentlich werden, geriete der Vizepremier in Erklärungsnot.

Verteidiger Zulkifli wollte Najib als Zeugen laden. Doch dann legte Zulkifli plötzlich sein Mandat nieder. „Es gab Versuche von dritter Seite, Einfluss auf meine Verteidigungslinie zu nehmen.“ Von oben, wie er meint. Der Gerichtsprozess in Kuala Lumpur geht ohne ihn weiter. Wann Urteile kommen, ist offen.

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