Zeitung Heute : Tod eines Sohnes

Fast schon Waffenstillstand im Libanon-Krieg, als Uri Grossman in einem Panzer verbrennt. Sein Vater ist einer der großen Schriftsteller Israels. Er hat den Krieg verteidigt, und das Ende gefordert

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Herzl-Berg in Jerusalem, gegen Abend. Ein offenes Grab auf dem Soldatenfriedhof, der eigentlich der nationale Heldenfriedhof ist. Einer der insgesamt 117 israelischen Gefallenen des zweiten Libanonkrieges wird bestattet, einer der letzten. Er ist am Samstag im von ihm kommandierten Panzer verbrannt, bei Khirbe Kasif im Südlibanon, zusammen mit einem weiteren Offizier und zwei Soldaten. Ihre Einheit war beteiligt am letzten Schlag Israels gegen die Hisbollah vor dem Waffenstillstand.

Am Grab des Gefallenen stehen seine Eltern, seine kleine Schwester, sein großer Bruder. Ihnen hatte er am Tag vor seinem Tod versprochen: „Die nächste Sabbat-Mahlzeit essen wir zusammen“, zu Hause.

Der Tote heißt Uri Grossman, sein Vater David ist einer der großen Schriftsteller Israels. Der junge Mann hat sein Leben verloren, der Vater seinen Sohn, ein Vater, der sechs Tage vor dem Angriff auf den Panzer in Khirbe Kasif geschrieben hatte, dass der Krieg im Libanon sofort aufhören müsse.

Uri Grossman starb 14 Tage vor seinem 21. Geburtstag. Im November hätte er seine dreijährige Dienstzeit beendet, wäre zu einer Weltreise aufgebrochen, um danach Theater zu studieren. Er hatte sich über den für Montagmorgen angekündigten Waffenstillstand gefreut. Anderthalb Tage zu früh.

Uri Grossman glich seinem Vater sehr, nicht nur, aber auch äußerlich. Er war nur, wie die meisten jungen Israelis, größer, breiter als sein Vater David.

David Grossman, dessen Werke in 20 Sprachen übersetzt worden sind, hat seinem Sohn bereits vor Jahren ein Denkmal gesetzt. Mit dem Kinderbuch „Uris spezielle Sprache“. Sein bekanntestes Buch ist „Der gelbe Wind“, es beschreibt palästinensisches Leben unter israelischer Besatzung, ein mitfühlendes Buch, eine sehr seltene Haltung, damals im Jahr 1987.

Der Libanon, genauer der erste Libanonkrieg, hatte David Grossman, 52, geprägt. Der damals, 1982, bereits bekannte Radiomann und aufsteigende Schriftsteller, war als Reservist eingezogen worden und fand sich am Kriegsende im linken Lager der Kriegsgegner wieder, das er seitdem nicht mehr verlassen hat. Am 6. August, dem Sonntag vor dem Tod seines Sohnes, hatte David Grossman auf der Titelseite der linksliberalen Tageszeitung „Haaretz“ zusammen mit seinen vielleicht noch berühmteren Schriftstellerkollegen Amos Oz und Avraham B.Yehoshua in einem viertelseitigen Inserat Stellung ergriffen – für den Krieg wie auch für dessen sofortiges Ende.

Die Hisbollah, „diese mörderische Organisation, welche die Vernichtung Israels anstrebt“, stand da, habe Israel zur „umfangreichen militärischen Aktion zu seiner Verteidigung“ genötigt. „Die militärische Aktion an sich war in unseren Augen in moralischer Hinsicht gerechtfertigt und stimmte mit der internationalen Legitimation der Selbstverteidigung gegen Angriffe eines Feindesstaates überein.“

Israel habe, im Gegensatz zur Hisbollah, nicht die Tötung von Zivilisten zum Ziel gehabt. Dennoch, die drei Schriftsteller riefen ihre Regierung zur sofortigen Kampfeinstellung auf Basis der Gegenseitigkeit auf, um weiteres Blutvergießen auf beiden Seiten zu vermeiden.

Und als zur Wochenmitte von der Möglichkeit der großen Bodenoffensive die Rede war, gingen Grossman, Oz und Yehoshua vor die Fernsehkameras. Sie forderten Ministerpräsident Ehud Olmert auf, den Vorschlag für einen Waffenstillstand des libanesischen Regierungschefs Fuad Siniora anzunehmen, ein Vorschlag, der Tage später auch Kern der UN-Resolution zur Beendigung des Krieges war.

Grossman sagte: „Diese katastrophale Lage (die Ausweitung der Kämpfe) kann noch vermieden werden.“

Es gelte nach vorne zu schauen, den nächsten Krieg zu vermeiden. Politische und militärische Anführer müssten den Augenblick erkennen, in dem sie die größtmöglichen Erfolge für ihr Volk erreicht hätten. „Es scheint mir, dass wir bereits nach diesem Moment sind und es nun bergab geht.“ Einen besseren Vorschlag für eine Beendigung der Kämpfe als den des libanesischen Regierungschefs könne man nicht erwarten, er stelle „den Sieg dar, den Israel braucht“.

Zwei Tage später wurde noch immer gekämpft, und David Grossmans Sohn fiel. Freunde und Verwandte kamen ins Haus der Grossmans im Jerusalemer Vorort Mevasseret Zion. Die Armee veröffentlichte den Namen des Toten an diesem Tag noch nicht, die Familie wollte Verwandte im Ausland vorher informieren.

Noch einmal drei Tage später stehen etliche von ihnen, stehen David und Michal, Ruthi und Jonathan an Uris Grab.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben