Zeitung Heute : Tod und Spiele

Gewalt im Stadion: Italiens Fußball am Ende

Vincenzo Delle Donne

Es war die beste Liga der Welt, mit den besten Spielern und den besten Zuschauern. Die Stadien quollen über, und die Begeisterung der Tifosi schien einzigartig und unnachahmlich. Die italienische „Serie A“ stellte immer neue Zuschauerrekorde auf.

Heute ist der Zuschauerschnitt pro Spiel auf unter 19 000 gefallen. Aus dem einstigen Eldorado ist eine düsteres Spektakel geworden, das sich oftmals vor fast leeren Rängen ereignet.

„Unsere Stadien“, sagte Ex-Nationaltrainer Arrigo Sacchi unlängst in einem Interview, „sind keine Stadien mehr. Es sind vielmehr wahre Gefängnisse. Es ist so, als würden in den Stadien Horden von Gefängnisinsassen hausen.“ Der Tod des 38-jährigen Polizisten Filippo Raciti nach den Ausschreitungen beim sizilianischen Derby zwischen Catania und Palermo gibt ihm nachträglich recht.

Der italienische Fußball ist an einem Tiefpunkt angekommen. Die Fans haben sich nach den Bestechungsskandalen des vergangenen Jahres von den Vereinen abgewandt. Der WM-Sieg konnte nicht viel daran ändern. Zu den Spielen der „Serie A“ und der „ Serie B“ kommen immer weniger Zuschauer. Und die Tifosi, die im Stadion sind oder ihre Mannschaften zu Auswärtsspielen begleiten, gehören gefürchteten Hooligan-Gruppen an, die von Rechtsradikalen, aber auch vom organisierten Verbrechen, von Mafia und Camorra, unterwandert sind. In Italien ist es üblich, dass Fangruppen von den Vereinen finanziert werden. Sie erhalten entweder Gratiskarten oder bekommen die Reisen zu Auswärtsspielen bezahlt. Und sie üben einen enormen Druck auf die Klubs aus.

„Seit drei Jahren sind wir Geisel der Hooligans“, bekennt Catania-Präsident Antonino Pulvirenti. Wegen wiederholter Ausschreitungen musste sein Klub zuletzt 200 000 Euro Strafe zahlen. Er weigerte sich deshalb, Gratistickets zu verteilen und musste sich beinahe täglich mit den gewalttätigen Hooligans auseinandersetzen. „Wir brauchen nicht die Unterstützung von Kriminellen“, sagt Pulvirenti, „aber alleine kommen wir dagegen nicht an.“ Gegen die Macht der Hooligans hat sich auch Lazio-Präsident Claudio Lotito gestemmt. „Seit zwei Jahren habe ich Personenschutz. Ich habe Morddrohungen erhalten, habe mich aber nicht beirren lassen, auch wenn ich mich oft allein gelassen fühle.“ Die Fans fordern seinen Rücktritt, weil er es gewagt hat, die Macht der Hooligans im Klub zu beschneiden. Mehrmals wurden deswegen die Lazio-Spiele spektakulär boykottiert.

Italiens Fußball ist auch ein Spiegel der Gesellschaft, in der Jahrhunderte alte Rivalitäten offen zu Tage treten. Zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden, aber auch zwischen den rivalisierenden Fangruppen in der Stadt. Ausschreitungen sind beispielsweise programmiert, wenn der SSC Neapel im norditalienischen Verona oder Treviso spielt, wenn Lazio Rom auf den AS Rom, der AC Florenz auf Livorno oder eben Palermo auf Catania oder Messina trifft. Zwar gibt es eine Reihe von strengen gesetzlichen Auflagen, um der Gewalt in den Stadien vorzubeugen. Doch allein vier von 20 Erstligaklubs haben die Auflagen erfüllt. In den restlichen Stadien dürfte also überhaupt kein Spiel angepfiffen werden.

Arrigo Sacchi machte unlängst einen radikalen Vorschlag, den er jetzt mit Nachdruck wiederholt. Es wäre besser gewesen, sagte Sacchi, wenn der italienische Fußball sich nach dem Skandal des vergangenen Jahres eine einjährige Auszeit verordnet hätte.

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