Zeitung Heute : Todesgrüße aus Greendale

Der Absender der Anthrax-Briefe schien gefasst – doch nun muss das FBI um seinen Fahndungserfolg bangen

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Von Malte Lehming, Washington

Sie hatten ihn. Das Bellen der Bluthunde war eindeutig. Und deren Nasen sind schließlich tausendmal sensibler als die von Menschen. Nun schlugen die Tiere plötzlich wie verrückt an. „Sie waren kaum zu beruhigen“, erinnert sich ein Mitarbeiter der US-Bundespolizei FBI. Ob im Apartment des Verdächtigen, in der Wohnung seiner Freundin oder im Restaurant, das er am Vortag besucht hatte: überall dieselbe Reaktion. Als die Hunde, an der Leine der Beamten, am Ende dem mutmaßlichen Übeltäter selbst begegneten, drehten sie förmlich durch. „Wer das gesehen hat, zweifelt nicht mehr“, sagt der Agent. Endlich! Die Monate der Frustration waren vorbei. Der Mann, der vor knapp einem Jahr sechs mit Anthrax verseuchte Briefe versandte und fünf Menschen damit ermordete, schien Anfang August gefasst. Sein : Steven J. Hatfill, Mikrobiologe.

Ein Indiz reihte sich ans andere. Hatfill entsprach exakt dem Täterprofil, das die FBI-Beamten als Grundlage für ihre Ermittlungen benutzten. Er war ein Biowaffen-Experte, hatte Zugang zu US-Labors mit höchster Geheimhaltungsstufe, galt als Einzelgänger mit verletztem Stolz und ausgeprägtem Zorn auf die Regierung. Seit Jahren hatte er in Schriften und Fernsehauftritten vor den Gefahren des Bioterrorismus gewarnt und die Regierung beschuldigt, das Problem zu verharmlosen. Keiner wollte auf ihn hören. Und dann wurde er auch noch gedemütigt. Einen Monat bevor die ersten Anthrax-Briefe verschickt wurden, war Hatfill bei einem obligatorischen Lügendetektor-Test der CIA durchgefallen. Daraufhin verlor er seine Zugangsberechtigung zu den Labors mit den Todesbakterien. Lag da Rache als Motiv nicht nahe?

Es kam sogar noch dicker für den 48-Jährigen. Auf der Festplate von Hatfills Privatcomputer fand die Polizei einen Romanentwurf. Der Titel: „Emergency“. Im Zentrum des Thrillers steht ein Angriff mit Biowaffen auf den US-Kongress, den der Täter geschickt vertuscht. Wen selbst das nicht überzeugte, der wurde auf einige Daten und Ungereimtheiten in der Biografie dieses Sonderlings hingewiesen. Geboren in St. Louis und aufgewachsen im US-Bundestaat Illinois, will Hatfill, so steht es in seinem Lebenslauf, von 1975 bis 1977 bei den „Special Forces“ gewesen sein. Die Armee bestreitet das. Anschließend ging er ins damalige Rhodesien und kämpfte im Guerillakrieg gegen die weiße Vorherrschaft. Damals erkrankten Tausende von Schwarzen an Milzbrand, offensichtlich nach einem Akt biologischer Kriegsführung. Ein Zufall?

In Rhodesien, das sich seit dem Krieg Simbabwe nennt, studierte Hatfill Medizin. Damals wohnte er nahe einer Siedlung mit dem Namen „Greendale“. Die mit Anthrax verseuchten Briefe an die Senatoren Tom Daschle und Patrick Leahy hatten als Absender eine fiktive „Greendale School“. Ein Zufall?

Von Simbabwe ging Hatfill nach Südafrika. Dort will er seinen Doktor in Molekularer Zellbiologie an der Rhodes University gemacht haben. Dort heißt es: „Rhodes hat keinen Doktortitel an Hatfill verliehen.“ In Südafrika arbeitete dieser Mann mit dem widersprüchlichen Lebenslauf als „medizinischer Offizier“ für das Apartheid-Regime, das auch Biowaffen-Programme unterhielt. Von 1997 bis ’99 schließlich war Hatfill im Biowaffenlabor der US-Armee in Fort Detrick tätig, in der Nähe von Washington. Ende 1999 verfasste er eine Analyse über die Frage, wie sich Anthrax per Post verschicken ließe. Er geht von einer Sporenmenge von 2,5 Gramm aus – genauso viel fand sich in den sechs kontaminierten Briefen. Auch das ein Zufall?

Ja, sagt Hatfill und ging vor 14 Tagen zum ersten Mal in die Offensive. In brüllender Sommerhitze stand er da im Anzug, begleitet von zwei Anwälten, das Sternenbanner am Revers, und beteuerte: „Ich habe mit der Versendung dieser Briefe nichts zu tun. Ich bin ein loyaler Amerikaner und liebe mein Land.“ Er schimpfte auf die „Verleumdungskampagne“ und bestritt, jemals mit dem Milzbranderreger gearbeitet zu haben. Offiziell ist Hatfill nicht als Verdächtiger angeklagt, sondern gilt, wie ein Dutzend andere Menschen auch, als „person of interest“. Aber auf ihn konzentriert sich alles. Und weil die Ermittlungen inzwischen seine Existenz zerstört hätten – unter anderem suspendierte ihn sein Arbeitgeber vom Dienst –, haben seine Anwälte nun Protest beim Justizministerium eingelegt. Sie werfen den FBI-Beamten die grobe Verletzung der Bürgerrechte ihres Mandanten vor.

Am Sonntag stand Hatfill ein zweites Mal vor der Presse. Bis zum Jahrestag des 11.September wolle die Regierung unbedingt einen Fahndunsgerfolg, sagte er. Deshalb sei er als Sündenbock auserkoren worden. „Mein Leben wurde von arroganten Bürokraten vernichtet, die alle Gerüchte und Halbwahrheiten über mich gesetzeswidrig an Reporter weitergeben.“ Prompt reichten seine Anwälte eine zweite Beschwerde beim Justizministerium ein. Einige Fragen könnten für das FBI tatsächlich unangenehm werden. Wie kommt es, dass bei einer Hausdurchsuchung am 1.August die Presse anwesend war? Wer hat ihr die Kopie des Roman-Manuskripts von Hatfills Festplatte zur Verfügung gestellt? Darf das FBI die Wohnung von Hatfills Freundin komplett auf den Kopf stellen und ihr zur Begründung sagen, er habe „fünf Menschen ermordet“? Außerdem sei sie stundenlang verhört worden, ohne auf ihre Rechte hingewiesen worden zu sein.

Seit Hatfills Offensive sind FBI und Justizministerium kleinlaut geworden. Einen handfesten Beweis für dessen Schuld können sie nicht vorweisen. Bluthund-Gekläffe und eine Reihe seltsamer Zufälle sind als solche kaum gerichtsverwertbar. So scheint es inzwischen, als ob der vermeintliche Fahndungserfolg in einer Peinlichkeit endet. Schon werden Vergleiche mit Richard Jewell, dem mutmaßlichen Bombenleger in der Olympiastadt Atlanta, angestellt. Auch der war wochenlang als Täter angeprangert worden, bis das FBI schließlich zugeben musste, sich geirrt zu haben. Vielleicht taugt sogar die gesamte Ermittlungsthese nichts. Wie zuverlässig sind Täterprofile überhaupt? Als vor acht Jahren der so genannte „Unabomber“, Ted Kaczynski, gesucht wurde, ging das FBI von der Annahme aus, der Täter sei ein ordentlich angezogener Mann, ein perfekter, weil unauffälliger Nachbar und von Beruf Hilfsarbeiter. So ganz passte das nicht auf jenen verwahrlosten Mathematikprofessor, der in einer abgelegenen Hütte hauste.

Weil die Ermittlungen jetzt erneut ins Stocken geraten sind, bekommen jene Kräfte Oberwasser, die die These von dem „frustrierten, heimischen Experten“ immer abwegig fanden. Sie kritisieren, dass ausländische Terrororganisationen und feindliche Staaten – wie der Irak – zu früh als Urheber der Todesbriefe ausgeschlossen wurden. Für die Kriegspläne der US-Regierung setzt die Debatte genau zur rechten Zeit ein.

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