Zeitung Heute : Todesküsse aus Moskau

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Von Malte Lehming, Washington

Ganz unten, viele Treppen hinab, liegt der Bunker. Jedenfalls nennt sich dieser Raum so. Der Bunker ist klein und niedrig. Seine Wände sind allerdings nicht aus Beton, sondern mit Lichtmosaiken gekachelt. Dennoch: kein Ort für Klaustrophobiker. Höchstens zehn Menschen finden im Bunker Platz. Es wird dunkel. „Hier wird das Geheimste des Geheimen aufbewahrt“, sagt eine sonore Männerstimme, die aus Lautsprechern an der Decke ertönt. „Es ist die Anleitung zum Bau der Atombombe.“

Ein Lichtmosaik nach dem anderen leuchtet auf. Die Mosaike erzählen von den vielfältigen Versuchen der Sowjetunion, in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg das geheimste der Geheimnisse zu lüften. Wieder wird es dunkel. Eine Zeitungsseite vom 23. September 1949 wird grell angestrahlt. In riesigen Buchstaben und mit Ausrufezeichen versehen ist zu lesen: „Die Sowjets haben das Geheimnis!“ Plötzlich zucken rote Lichter durch den Raum. Der Boden zittert. Ein dumpfes Grollen ist zu hören. Das Atombomben-Explosions-Spektakel dauert etwa eine Minute. Ist es makaber? Ist es beeindruckend? Ist es lehrreich? Von allem ein bisschen.

Großer Lauschangriff

Die Bunker-Installation ist Teil des Internationalen Spionagemuseums, das in Washington an diesem Wochenende seine Türen öffnet. Es zeigt die weltweit größte Sammlung von Spionage-Artikeln. Einen Lippenstift zum Beispiel, der in Wahrheit eine Pistole ist. Der „Kuss des Todes“ wurde Mitte der 60er Jahre vom sowjetischen Geheimdienst KGB gebaut. Einen einzigen Schuss mit einer 4,5-Millimeter-Kugel konnte das Gerät abfeuern. Entdeckt wurde das tödliche Schminkutensil von West-Berliner Grenzpolizisten. Ob es je zum Einsatz kam, ist unbekannt.

Bekannt dagegen ist, welchem Zweck der „bulgarische Giftpatronen-Regenschirm“ diente: In den Straßen von London wurde 1978 ein bulgarischer Dissident damit umgebracht. Den Befehl zu dessen „Eliminierung“ hatte ein Mann gegeben, der heute im Vorstand des Internationalen Spionagemuseums sitzt, der ehemalige KGB-General Oleg Kalugin. Mehr als 30 Jahre lang hat Kalugin für den KGB gearbeitet. Getarnt als Journalist spionierte er in New York einst die Vereinten Nationen aus. Schon früh stieg Kalugin bis zum General auf. In der Gorbatschow-Ära ließ er sich dann ins russische Parlament wählen. Vor acht Jahren schließlich veröffentlichte er seine Biografie. Darin plaudert er gehörig aus dem Nähkästchen. Das erzürnte die russische Nachfolgeorganisation des KGB. Im vergangenen Monat wurde Kalugin von einem Moskauer Gericht in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft wegen Verrats verurteilt. Das stört ihn aber nicht. Er lebt in Washington.

Der Direktor des Museums, Peter Earnest, ist Kalugins Spiegelbild. Earnest hat 36 Jahre lang für den amerikanischen Geheimdienst CIA gearbeitet. Er war in Europa und im Nahen Osten stationiert und redet erstaunlich unbefangen über seine Operationen. Gut bekannt war Earnest unter anderem mit Aldrich Ames, der als Doppelagent innerhalb der CIA für den KGB tätig war. Aufgrund der Informationen von Ames wurden in der Sowjetunion zehn US-Agenten hingerichtet. „Ja, ja, mein Freund Rick Ames“, sagt Earnest heute, „ich hatte niemals den leisesten Verdacht.“

Und wie ist das Verhältnis von Earnest und Kalugin? Gibt es noch unterschwellige Spannungen zwischen Ex-CIA und Ex-KGB? „Keine Spur“, sagt Earnest, „ich glaube, Olegs Motive waren ebenso ehrenwert wie meine.“ Kalugin stimmt zu. „Spione sind einander nicht böse.“ Doch trotz demonstrativer westöstlicher Umarmung ist ein Rest an Rivalität nicht zu übersehen. „Technologisch waren uns die Amerikaner überlegen“, sagt Kalugin, „aber wir hatten die besseren Agenten.“

40 Millionen Dollar hat das Museum gekostet. Mehr als die Hälfte davon hat Milton Maltz aufgebracht, ein umtriebiger Mann aus der Unterhaltungsbranche mit einem Faible fürs Geheime. Maltz war einst Discjockey, heute gehören ihm diverse Radio- und Fernsehstationen. Er hat die „Rock and Roll Hall of Fame“ gegründet und vor sieben Jahren die Idee zu dem Museum ausgeheckt. „Mich haben Spionagegeschichten schon immer fasziniert“, sagt er. „Die Besucher des Museums sollen spüren, wie aufregend, intelligent und wichtig dieses Gewerbe ist.“

Und das tun sie. Mit allen Mitteln der modernen Museumskunst wird das Sujet anschaulich gemacht. Das gesamte Museum ist verwanzt und wird mit versteckten Videokameras überwacht. Der Besucher wird selbst belauscht und kann andere belauschen. Gleich am Anfang schlüpft er in eine neue Identität. Die dazugehörigen Daten muss er sich einprägen. Kontrolliert wird sein Wissen an imaginären Grenzkontrollen. In einer Extra-Abteilung wird gezeigt, was passiert, wenn ein Agent auffliegt. Dann wird er umgebracht, ins Gefängnis gesteckt, manchmal gefoltert, manchmal ausgetauscht. Den Top-Agenten wird beigebracht, sich selbst das Leben zu nehmen. Eine Zyankali-Pille liegt ebenfalls zur Ansicht in einer Vitrine.

Wissen ist Macht. Mehr wissen macht mächtiger. Was mit dem Trojanischen Pferd begann, wird heute per Satellit betrieben. Dazwischen liegen Tausende von genial-diabolischen Erfindungen. Die hinter einem Mantelknopf versteckte Kleinbildkamera etwa, die vom KGB seit den 70er Jahren benutzt wird. „Wenn Sie Moskau vor dem Ende des Kalten Krieges besucht haben“, sagt Kalugin, „sind Sie höchstwahrscheinlich damit fotografiert worden.“ Oder die berühmte, nur schreibmaschinengroße Enigma-Kodiermaschine der Nazis, die von den Alliierten erst 1943 mit Hilfe des ersten Großcomputers geknackt werden konnte. An Bildschirmen und mit Kopfhörern kann der Besucher selbst versuchen, Botschaften zu ver- und entschlüsseln.

Weniger der Aufklärung als dem Kampf und der Sabotage dienten andere Geräte. Der explodierende Baumstumpf zum Beispiel, der in den USA während des Bürgerkriegs zum Einsatz kam. Oder die explodierende Kohle, die die Amerikaner während des Zweiten Weltkriegs in die Bestände der Deutschen gemischt hatten. Oder die gefälschten Pfund-Noten, die die Nazis in großen Mengen in Umlauf gebracht hatte, um die britische Wirtschaft zu schwächen.

Nachgebaut wurde außerdem der legendäre Geheimtunnel, den die Briten und Amerikaner 1954 in Berlin gebuddelt hatten, um ostdeutsche Telefonate abzuhören. Die Sowjets wussten zwar von Anfang an Bescheid, weil das aber wiederum die Briten und Amerikaner nicht wussten, nutzten sie das Abhörsystem zwei Jahre lang gezielt zur Verbreitung von Desinformation. Überhaupt scheint das 20. Jahrhundert unter dem Blickwinkel der Spionage vor allem ein deutsches, russisches und amerikanisches Jahrhundert gewesen zu sein. Aus diesen Ländern stammen die meisten Exponate. Auch viele Stasi-Instrumente – das Geheimschriften-Enttarnungs-Köfferchen oder die Durch-die-Wand-Kamera – sind zu sehen. Dies alles geschieht, und das irritiert zunächst, ohne jede Wertung. Die Techniken der Nazis werden ebenso neutral geschildert wie die des KGB, der Amis oder Briten. Beinahe schwingt sogar Anerkennung mit, wenn etwa beschrieben wird, wie sich Anfang der 40er Jahre in New York der größte Spionagering bilden konnte, der jemals in den USA gewirkt hat. Der so genannte „Duquesne Spy Ring“ bestand aus deutschen Agenten, die sich im „Knickerbocker Hotel“ in der 42. Straße einquartiert hatten.

Hintereinander geht der Besucher durch den Brieftaubenraum, wo die besten Spione der Tierwelt geehrt werden, durch den Frauenraum, wo es überwiegend um Verkleidungskünste geht, bis in den rot angestrichenen Dzierzynski-Raum, der dem ersten Chef der russischen Geheimpolizei gewidmet ist. Dessen Methoden, heißt es ganz sachlich, seien später zum Teil vom KGB, der Gestapo und Stasi übernommen worden. Bei der Rekonstruktion von Dzierzynskis Büro wurde freilich der hinter einer Bücherwand versteckte Geheimgang nicht vergessen, der zu einem unterirdischen Gefängnis führte, das nur wenige Dissidenten lebend verließen.

Von Mata Hari bis James Bond

„Nichts ist, wie es scheint“: Das steht als Motto im Eingang des Museums. In der Welt der Spionage verschwimmen leicht die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Von Mata Hari bis James Bond ziehen sich wahre, halb wahre und erfundene Legenden. Keinen Skrupel hatten daher die Museumsmacher, auch einen originalgetreuen „Aston Martin DB 5“ auszustellen, wie ihn James Bond in „Goldfinger“ fuhr – mit jenem Maschinengewehr, das aus dem Blinker kommt, rotierendem Autokennzeichen und Schleudersitz.

Oleg Kalugin, der kleine, untersetzte Ex-KGB-General, sitzt am Ende der Vorführung in einer Ecke. Über sein Gesicht huscht ein ironisches Lächeln. „Es ist ein tolles Museum“, sagt er, „aber was Sie hier sehen, ist nur das, was durch Nachlässigkeiten, Fehler oder den Lauf der Geschichte bekannt geworden ist. Der beste Spion ist der unbekannte Spion. Und den kann man nicht zeigen.“ An wen er dabei dachte, bleibt sein Geheimnis. Ein paar Geheimnisse bleiben eben immer.

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