Zeitung Heute : Todesopfer nach EHEC-Infektion

Mediziner nennen schnelle Ausbreitung des Darmerregers erschreckend / Mehrere Fälle in Berlin

Berlin - Mindestens ein Mensch ist in Deutschland an einer Infektion mit dem gefährlichen Darmbakterium EHEC gestorben. Eine 83-jährige Frau aus Niedersachsen starb dem Landesgesundheitsministerium zufolge am Samstag. Sie war am 15. Mai mit blutigem Durchfall in ein Bremer Krankenhaus aufgenommen und positiv auf den EHEC-Erreger getestet worden. Ein weiterer Todesfall in Bremen und einer in Schleswig-Holstein könnten ebenfalls auf das Bakterium zurückzuführen sein. Die Todesumstände werden aber noch untersucht.

Der Präsident des Robert–Koch-Instituts (RKI), Reinhard Burger, nannte die Ausbreitung des Darmbakteriums „erschreckend“. Laut RKI gab es am Dienstag bereits mehr als 80 Patienten in Deutschland, die wegen eines hämolytisch-urämischen Syndroms (HUS) im Krankenhaus behandelt werden mussten, darunter mindestens fünf in Berlin. Zwei Patienten werden in Vivantes-Kliniken, drei in Charité-Kliniken versorgt. Das Syndrom ist die gefährlichste Komplikation einer EHEC-Infektion und betrifft ungefähr jeden Zehnten, der sich mit dem Erreger ansteckt. Im gesamten Jahr 2010 hatte es nur 65 HUS-Fälle gegeben.

Eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa ergab, dass es insgesamt bislang mehr als 460 bestätigte und Verdachtsfälle von EHEC-Infektionen gibt. Der Ausbruch hatte in Hamburg begonnen. Inzwischen sind aber auch Menschen in anderen Teilen Deutschlands infiziert. „Es kommen immer noch Menschen mit blutigen Durchfällen in die Krankenhäuser“, sagte Klaus Stark, Arbeitsgruppenleiter für gastrointestinale Infektionen am RKI. „Die Sache ist noch nicht vorbei.“

Weil sich der Darmkeim auch über rohe Fleischprodukte und Rohmilch von Wiederkäuern, also Rindern, Schafen und Ziegen verbreitet, rät die Berliner Infektionsschutzbeauftragte derzeit davon ab, Rohmilch zu trinken. Der Ursprung der Infektion ist aber nach wie vor ungewiss. Erste Befragungen von Patienten hatten den Verdacht nahe gelegt, die Infektion könnte durch roh verzehrtes Gemüse übertragen worden sein. Das RKI stellte aber klar, das bisher kein Lebensmittel als Infektionsquelle identifiziert werden konnte. Seuchenexperten der Behörde versuchen mit Befragungen von Patienten, die Quelle der Infektionen auszumachen. Um das Risiko zu minimieren, empfiehlt das RKI, alle Lebensmittel ausreichend zu erhitzen. Dabei sollten sie auch im Kern mindestens zehn Minuten lang eine Temperatur von 70 Grad erreichen.

Angesichts der schnellen EHEC-Ausbreitung fordert die SPD die rasche Gründung eines Krisenstabs. „Ich finde es wichtig, einen Krisenstab zu gründen und eine Telefonhotline einzurichten, wo sich die Bürger informieren können“, sagte Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dem Tagesspiegel. Die Öffentlichkeit müsse flächendeckend darüber informiert werden, wie man sich am besten schützt. „Das vermisse ich bis jetzt“, so Lauterbach. Die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, Biggi Bender, sagte dagegen: „Erst wenn man die Quelle kennt, kann man Maßnahmen ergreifen. Bis dahin kann man die Bürger nur aufrufen, auf Hygiene zu achten.“ mit jil/kög

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